Junk Science

Das Elend mit den Studien

Der Begriff „Studie“ ist nicht geschützt. Interessengruppen nutzen diese Tatsache seit langem aus, um ihre Botschaften als vermeintlich gesicherte, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Welt zu tragen. Das funktioniert hervorragend, denn in weiten Teilen der Medienlandschaft gibt es kaum ein Bewusstsein dafür, was ein Papier überhaupt zur Studie macht und wann man skeptisch werden sollte. Ein aktueller Fall zeigt dies auf besonders eklatante Weise.

„Knapp die Hälfte aller Landwirte werden weltweit jedes Jahr durch Pestizide vergiftet.“ Was ist Ihre spontane Reaktion auf eine derartige Aussage? Überraschung? Irritation? Ungläubigkeit? Ich versichere Ihnen: Die Letztere wäre die angemessenste, denn es gibt nicht einen einzigen seriösen wissenschaftlichen Beleg, dass diese Behauptung auch nur annähernd zutreffen könnte. Verschiedene deutsche Leitmedien (und natürlich den britischen Guardian) hielt dies jüngst allerdings nicht davon ab, diese Schlagzeile innerhalb kürzester Zeit vollkommen unreflektiert zu verbreiten. Ausgangspunkt war schließlich eine „neue internationale Studie“. Warum also zweifeln an dieser knackigen und eingängigen Botschaft?

Der Fall reiht sich ein in zahllose andere Beispiele der vergangenen Jahre, bei denen Interessengruppen ihre Kernbotschaften in vermeintlich seriöse wissenschaftliche Arbeiten verpackten und den Medien dann erfolgreich als „Studie“ verkauften.

Doch was ist überhaupt eine Studie? Der Begriff klingt so, wie ihn auch der Duden und andere anerkannte Quellen definieren: nach systematischer wissenschaftlicher Untersuchung einer bestimmten Frage oder eines Themas. In Wirklichkeit ist die Bezeichnung jedoch genauso wenig geschützt wie die Begriffe Institut, Akademie oder Journalist. Häufig ist daher in den Medien von „Studien“ die Rede, die sich bei genauerer Betrachtung lediglich als interessengeleitete Papiere oder banale, häufig nicht mal repräsentative Umfragen herausstellen.

Genau so ist es auch im aktuellen Fall: Anfang September stellte die Anti-Pestizid-NGO „Pesticide Action Network“ (PAN) in einer Pressemitteilung fest: „Neue Studie bestätigt: Jährlich mehr als 400 Millionen unbeabsichtigter Pestizidvergiftungen.“ Ganz ähnliche Ergebnisse hatten die Aktivisten schon vor Jahren in einer Vorgänger“studie“ ermittelt. Kaum ein deutsches Leitmedium, das damals nicht drauf reinfiel. Dann stellte sich heraus, dass die Datenbasis, der wissenschaftliche Ansatz sowie die getroffenen Aussagen der Autoren so untragbar waren, dass das Wissenschaftsmagazin, in dem das Papier veröffentlicht worden war, es komplett zurückzog. Die Verantwortlichen argumentierten, sie hätten „kein Vertrauen mehr in die Ergebnisse und Schlussfolgerungen“.

Man muss diese Vorgeschichte als Journalist nicht kennen. Eine leicht kritische Grundhaltung hätte aber genügt, um auch bei der aktuellen Veröffentlichung ganz schnell zu einem vergleichbaren Ergebnis zu kommen. Wem die Kombination aus alarmistischer Kernbotschaft und zweifelhafter Seriosität der Quelle nicht ausreicht, hätte zum Beispiel einen Blick auf die „Conflict of Interest“-Erklärung werfen können. Dort erklären die Autoren allen Ernstes, es gebe nichts, was ihnen „als potenzieller Interessenkonflikt“ ausgelegt werden könnte. Zugleich ist schwarz auf weiß nachzulesen, dass alle vier offizielle wissenschaftliche Berater oder Senior Scientists der NGO sind und immer wieder eindeutige politische Forderungen zum Verbot von Pflanzenschutzmitteln aufstellen.

Nächster Punkt: Der Peer Review, also die fachliche Begutachtung einer wissenschaftlichen Arbeit durch unabhängige Experten aus demselben Fachbereich. Er ist eine Art Prüfsiegel für wissenschaftliche Studien und dient damit der Qualitätssicherung. Das Pesticide Action Network musste allerdings bis in den Irak und nach Indien laufen, um zwei Wissenschaftler zu finden, die ihr Papier begutachten und unbeanstandet durchwinken. Beide arbeiten an nahezu unbekannten Forschungseinrichtungen und sind ohne entsprechende Publikationshistorie in den relevanten Fachbereichen Epidemiologie oder Datenwissenschaften. Zudem lässt sich mühelos herausfinden, dass der Peer-Review-Prozess anders als bei hochwertigen Publikationen in diesem Fall kollaborativ, das heißt im Dialog zwischen Reviewern und Autoren, erfolgte.

Nicht jedem Journalist müssen solche wissenschaftlichen Prinzipien bekannt sein. Erst recht nicht, wenn sein Ressort Aktuelles, Politik oder gar Panorama heißt. Aber selbst ein kurzer Blick über den Tellerrand hinaus in Richtung renommierter Behörden wie zum Beispiel dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) oder der European Food Safety Authority (EFSA) hätte sofort große Zweifel an dem Papier der Aktivisten geweckt. Beide Institute erheben seit vielen Jahren regelmäßig statistische Daten zu Vergiftungen und Todesfällen in Landwirtschaft und Ernährung. Keines ihrer Ergebnisse deckt sich auch nur ansatzweise mit den unseriösen Aussagen von PAN.

Christian Maertin

Head of Corporate Communications