Michael Härter im Porträt

Wirkstoff-Fahnder mit System

Bei der Suche nach neuen Medikamenten testen Wissenschaftler tausende Substanzen. Der Chemiker Dr. Michael Härter entwickelte eine Software, die diese Massenexperimente analysiert. Sie spielt heute eine Schlüsselrolle bei der Erforschung neuer Wirkstoffe.

 

In der Chemie werden aus Ideen und Konzepten neue reale Substanzen, das faszinierte mich schon als Schüler. Heute bin ich froh, dass diese Faszination Teil meiner Arbeit in der Pharma-Forschung von Bayer ist. Dabei steht für mich der kreative Moment im Mittelpunkt, wenn ich im ersten Schritt aus der Korrelation von chemischen Strukturfragmenten mit pharmakologischen Eigenschaften neue Ideen für bessere Moleküle generiere. Im zweiten Schritt synthetisiere ich dann diese Moleküle und transportiere damit die erdachten und gewünschten Eigenschaften im besten Fall von der Idee in die reale Welt.


Die meisten meiner Versuche im Labor führen am Ende nicht zum dem großen Ziel: einem neuen Medikamentenwirkstoff, der Patienten Heilung oder Linderung bringt. Wenn ich mich darüber ärgern würde, hätte ich schon im Studium aufgegeben. Misserfolge gehören zum Alltag eines Chemikers und damit zu meinem Job. Ich suche bei Bayer in Wuppertal nach Wirkstoffkandidaten gegen Krankheiten, stelle sie chemisch her und teste sie. Aktuell beschäftige ich mich mit Lungenleiden.

Ich liebe diese Momente, in denen ich ein ganz neues Molekül in meinem Kopf entwerfe und es dann im Labor Realität wird.
Dr. Michael Härter
Dr. Michael Härter
,
Principal Scientist in Drug Discovery, Laboratory head in medicinal chemistry / project leader of late-stage pharmaceutical research projects

Scheitern bringt Fortschritt

Wer weiß, wie wir arbeiten, versteht auch, warum es meistens schiefgehen muss – und uns trotzdem weiterbringt. In der Substanzbibliothek von Bayer lagern mehr als vier Millionen Substanzen, die mir und meinem Team als Ausgangsmaterialien für die Forschung dienen. Jede einzelne von ihnen könnte auf tausende Arten chemisch modifiziert werden. Es gäbe also Milliarden Kandidaten bei der Suche nach dem passenden Molekül, das gegen eine bestimmte Krankheit hilft.


Als ich 1997 bei Bayer anfing, lag es im Trend eine möglichst große Zahl dieser Varianten eher unsystematisch zu synthetisieren und zu testen. Mit automatisierten Laboranlagen lassen sich innerhalb von Tagen immerhin tausende solcher Experimente durchführen. Was den Erfolg anging, blieb dieser Ansatz jedoch hinter den Erwartungen zurück. Wir lernten, dass wir unsere Massentests mit einer Strategie und mehr Wissen über die Substanzen zusammenbringen mussten.

 

Er nutzte Big Data, als noch niemand den Begriff kannte

Mit einer Handvoll Kollegen und mir startete deshalb 1999 ein Projekt, das die Wirkstoffsuche mit Hilfe von Computern und Datenbanken systematisieren sollte. Ich muss manchmal schmunzeln, wenn ich jetzt Experten vom neuen Trend „Big Data“ reden höre. Wir haben das eigentlich damals schon gemacht – nur, dass noch niemand den Begriff kannte. Wir entwickelten eine Software, die heute eine Schlüsselrolle in der Wirkstoffforschung bei Bayer spielt.

Unser Programm stellt Korrelationen her zwischen dem chemischen Strukturraum und biologischen Phänomenen.
Michael Härter
,
Principal Scientist in Drug Discovery, Laboratory head in medicinal chemistry / project leader of late-stage pharmaceutical research projects

Heute habe ich dank dieser Software schnellen Zugriff auf alle Daten, die ich für meine Arbeit brauche. Sie werden von den Testlabors in eine gemeinsame digitale Datenbank gespeist – oftmals sogar automatisiert. Das war früher überhaupt nicht so! Mehr noch: Die Software hilft, Korrelationen zwischen dem chemischen Strukturraum und biologischen Phänomenen herzustellen – und visualisiert die Ergebnisse sehr schnell erfassbar. Wir können am Bildschirm Hypothesen entwickeln, in welche Richtung wir unser Molekül modifizieren müssen, damit es die gewünschte Wirkung zeigt. Das hat unsere Arbeit unglaublich vorangebracht.

 

haerter

 

 

Lebenslauf Dr. Michael Härter

1966 Geboren in Köln
1987 – 1992 Studium der Chemie an der Universität zu Köln (Dipl.-Chem.)
1992 Promotion an der Universität zu Köln (Dr. rer. nat.), Schwerpunkt: Physikalische-organische Chemie.
Promotionsstipendium des Fonds des Verbandes der chemischen Industrie (FCI)
1992 – 1995 PhD at the University of Cologne (Dr. rer. nat.; Doctor of Natural Sciences), Physical Organic Chemistry
PhD fellowship award from the Fonds des Verbandes der chemischen Industrie (FCI)
1995 – 1997 Postdoktoranden-Aufenthalt an The Scripps Research Institute, San Diego, Kalifornien, USA. Schwerpunkt: Synthese komplexer Naturstoffe.
Postdoktoranden-Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes (BASF-Programm)
seit 1997 Laborleiter in der Medizinischen Chemie der Pharmaforschung, Bayer AG, Wuppertal
2004 Principal Research Scientist

 

Ausgewählte Publikationen

Inhibition of hypoxia-induced gene transcription by substituted Pyrazolyl oxadiazoles: Initial lead generation and structure-activity relationships.
M. Härter, K.-H. Thierauch, S. Boyer, A. Bhargava, et. al., ChemMedChem 2014, 9 (1), 61-66 (auf Englisch)


Estimation of Physicochemical and ADME Parameters.Inhibition of hypoxia-induced gene transcription by substituted Pyrazolyl oxadiazoles: Initial lead generation and structure-activity relationships.
M. Härter, K.-H. Thierauch, S. Boyer, A. Bhargava, et. al., ChemMedChem 2014, 9 (1), 61-66:M. Härter, J. Keldenich, W. Schmitt, Handbook of Combinatorial Chemistry Volume 2 (K. C. Nicolaou, R. Hanko, W. Hartwig, edts.), Wiley-VCH, Weinheim 2002
Lesen (auf Englisch)

 

Ausgewählte Patente

Heterocyclylmethyl-thienouracile as antagonists of adenosine-A2B receptor and their preparation.
WO 2016150901 A1
M. Härter, D. Kosemund, M. Delbeck, B. Kalthof, et. al.,
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Preparation of cyclic thienouracil-carboxamides useful as A2b receptor antagonists.
WO 2015052065 A1
M. Härter, M. Delbeck, B. Kalthof, K. Lustig et. al.
Auf Google Patents ansehen


Bayer AG, 2013: Preparation of 3-(fluorovinyl)pyrazoles and use thereof in the treatment of hyperproliferative and angiogenic diseases.
WO 2013011033 A1
M. Härter, H. Beck, K.-H. Thierauch, P. Ellinghaus, et. al.
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Preparation of substituted oxadiazolyl pyridinones and oxadiazolyl pyridazinones as HIF inhibitors.
WO 2013057101 A1
M. Härter, H. Beck, P. Ellinghaus, K. Unterschemmann
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Awards

2010: Otto-Bayer-Medaille. Für die Entwicklung einer zentralen digitalen Plattform, die alle verfügbaren Daten und Anwendungen zusammenführt und Wissenschaftler bei der Entscheidungsfindung im komplexen Umfeld chemischer und biologischer Daten unterstützt.