Peter Sandner im Porträt

Nach Feierabend wechselt er das Forschungsgebiet

Der Pharmakologe und Physiologe Dr. Peter Sandner untersucht einen der wichtigsten biochemischen Prozesse im menschlichen Körper: die Signalübertragungskaskade NO/cGMP. Mit ihrer Hilfe will er neue Therapien für mehrere Krankheiten entwickeln. In seiner Freizeit befasst sich der Forscher mit historischen Dokumenten.

 

Dass ich heute in der pharmakologischen Forschung arbeite, beruht wahrscheinlich auf einem Zufall. Meine Begeisterung für Arzneimittel verdanke ich größtenteils einem Apotheker, der zu meiner Schulzeit sein Geschäft im Haus meiner Eltern in Niederbayern hatte. Nach der Schule war ich oft bei ihm im Labor und beobachtete ihn, wie er mit Substanzen und Geräten hantierte. Er weckte meine Begeisterung für die Wirkungen von Medikamenten und die Herstellung von Arzneien. Und so studierte ich dann auch Pharmazie. Ich bemerkte allerdings schnell, dass ich nicht in einer Apotheke arbeiten wollte. Anstatt Arzneimittel zu verkaufen, wollte ich ihre Wirkung erforschen und neue Medikamente entwickeln. Also wechselte ich für die Forschung ins Labor.

 

Biochemische Botenstoffe

Während meiner Promotionszeit arbeitete ich an physiologischen Wachstumsprozessen und durch Hypoxie induzierte Genexpressionen. Zeitgleich untersuchte ich aber auch eines der grundlegenden Phänomene im menschlichen Körper: die Signalübertragungskaskade von Stickstoffmonoxid (NO) und cyclischem Guanosinmonophosphat (cGMP), und wie cGMP durch Phosphodiesterasen (PDEs) abgebaut wird. Der molekularbiologische Signalweg von NO/cGMP spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulierung von Zell- und Organfunktionen. Er leitet äußere Reize, das NO, über mehrere Zwischenstationen ins Zellinnere. Das Schlüsselereignis ist hierbei die Bindung von NO an die intrazelluläre lösliche Guanylatzyklase (sGC) – wodurch cGMP entsteht. Dieses dient als Botenstoff in den Zellen und physiologischen Reaktionen und reguliert beispielsweise die Erweiterung von Blutgefäßen und den Blutdruck. Wir entdecken immer noch ständig weitere Effekte – cGMP bleibt ein sehr aufregendes Molekül.

In meinem Spezialgebiet haben wir mit medizinischen Entwicklungen schon viel erreicht. Wir stehen aber trotzdem erst am Anfang.
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Dr. Peter Sandner
,
Chief Scientist sGC Pharmacology in Cardiovascular Research

Die NO/cGMP-Signalkaskade ist bei vielen Krankheiten gestört, wodurch der Körper einen cGMP-Mangel ausbildet. Deshalb arbeitet Bayer an Wirkstoffen, die genau dort eingreifen und die cGMP-Bildung stimulieren: sGC-Stimulatoren und -Aktivatoren welche die sGC auch ohne NO aktivieren – eine einzigartige Wirkungsweise. Ein erster sGC-Stimulator, zur Behandlung von Lungenhochdruck, ist bereits auf dem Markt erhältlich. Ein weiterer Wirkstoff, der Menschen mit Herzinsuffizienz helfen soll, befindet sich gerade in der finalen Erprobungsphase in der Klinik. Wir hoffen allerdings, dass unsere Medikamente noch bei deutlich mehr Erkrankungen helfen können – zum Beispiel bei Nierenkrankheiten und auch bei seltenen Erkrankungen.

 

Internationale Teams und neue Behandlungsmöglichkeiten

Solche spannenden Hypothesen zu erforschen, nachzuweisen und neue Behandlungsmöglichkeiten für sGC-Modulatoren zu identifizieren sind meine Hauptaufgaben bei Bayer. Ich koordiniere und leite wissenschaftliche Projekte, an denen Bayer-Experten, aber auch externe Forscher von Universitäten und Instituten aus der ganzen Welt beteiligt sind. Wir testen zum Beispiel, ob ein sGC-Stimulator gegen systemische Sklerose hilft. Das ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der sich die Haut an Händen, Füßen und auch im Gesicht verhärtet und verdickt. Breitet sie sich weiter aus, greift sie auch auf innere Organe über. Sie beeinträchtigt die Lebensqualität stark und kann lebensbedrohlich werden. Wir erstellten in enger Zusammenarbeit mit universitären Forschungsgruppen präklinische Profile über die Wirkung der Stoffe, um diese anschließend an Patienten nachweisen. Hierzu arbeiten wir mit Bayer-internen klinischen Entwicklungsabteilungen zusammen. Zurzeit erproben wir einen sGC-Stimulator an erkrankten Patienten in einer klinischen Phase-II-Studie.

Wir hoffen, dass unsere Medikamente noch bei deutlich mehr Erkrankungen helfen können.
Peter Sandner
,
Chief Scientist sGC Pharmacology in Cardiovascular Research

Meine Arbeit fordert mich sehr, sodass ich zu meinem Hobby meist nur am späten Abend und im Urlaub komme. Aber auch in meiner Freizeit, habe ich Spaß daran, Dingen auf den Grund zu gehen. Dann erforsche ich die Geschichte meiner Heimat Niederbayern, recherchiere in Archiven und werte Originaldokumente aus. Daraus entstanden zum Beispiel ein kleiner Artikel oder ein Buch über Donaufähren, die zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert nahe meinem Heimatdorf Winzer verkehrten. Wie bei meiner Arbeit für Bayer bin ich Geheimnissen auf der Spur – und entdecke mitunter Dokumente, die seit Jahrhunderten kein Mensch mehr gelesen hat.

 

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Lebenslauf Dr. Peter Sandner

1964 geb. in Hengersberg und aufgewachsen in Winzer, Niederbayern
1987-1992 Pharmaziestudium an der Universität Regensburg
1993 Approbation als Apotheker
1997 Promotion in Physiologie, Universität Regensburg
1997-2001 Akademischer Rat, Universität Regensburg
2001 Laborleiter bei der Bayer AG im Bereich Drug Discovery, Wuppertal
2006, 2009 Ernennung zum Senior und Principal Scientist bei Bayer
2013 Habilitation an der Medizinischen Hochschule Hannover
2016 Ernennung zum Chief Scientist bei Bayer
2017 Mitherausgeber der Ausgabe „Heart Failure“ des Handbook of
Experimental Pharmacology

 

Ausgewählte Publikationen

Divergent regulation of vascular endothelial growth factor and of erythropoietin gene expression in vivo.
Pflugers Arch. 1996 Apr;431(6):905-12. PubMed PMID: 8927508.
Sandner P, Gess B, Wolf K, Kurtz A.

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Nitric oxide/cAMP interactions in the control of rat renal vascular resistance.
Circ Res. 1999 Feb 5;84(2):186-92. PubMed PMID: 9933250.
Sandner P, Kornfeld M, Ruan X, Arendshorst WJ, Kurtz A.

Auf PubMed lesen (auf Englisch)


Pre-clinical evidence for the use of phosphodiesterase-5 inhibitors for treating benign prostatic hyperplasia and lower urinary tract symptoms.
BJU Int. 2006 Dec;98(6):1259-63. Epub 2006 Sep 6. PubMed PMID: 16956354.
Tinel H, Stelte-Ludwig B, Hütter J, Sandner P.

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Product-related research: how research can contribute to successful life-cycle management.
Drug Discov Today. 2008 May;13(9-10):457-63. Epub 2008 Apr 20. Review. PubMed PMID: 18468564
Sandner P, Ziegelbauer K.

Auf PubMed lesen (auf Englisch)


The Potential of sGC Modulators for the Treatment of Age-Related Fibrosis: A Mini-Review.
Gerontology. 2017;63(3):216-227. doi: 10.1159/000450946. Epub 2016 Oct 27. PubMed PMID: 27784018.
Sandner P, Berger P, Zenzmaier C.

Auf PubMed lesen (auf Englisch)


Discovery of the Soluble Guanylate Cyclase Stimulator Vericiguat (BAY 1021189) for the Treatment of Chronic Heart Failure.
J Med Chem. 2017 Jun 22;60(12):5146-5161. doi: 10.1021/acs.jmedchem.7b00449. Epub 2017 Jun 12. PubMed PMID: 28557445.
Follmann M, Ackerstaff J, Redlich G, Wunder F, Lang D, Kern A, Fey P,
Griebenow N, Kroh W, Becker-Pelster EM, Kretschmer A, Geiss V, Li V, Straub A,
Mittendorf J, Jautelat R, Schirok H, Schlemmer KH, Lustig K, Gerisch M, Knorr A,
Tinel H, Mondritzki T, Trübel H, Sandner P, Stasch JP.

Auf PubMed lesen (auf Englisch)

 

Awards

2006: Bayer Drug Discovery Award für ein einzigartige Methode zur Erforschung neuer Behandlungen von Lungenhochdruck
2010: Bayer Drug Discovery Award für einen innovativen Behandlungsansatz, der PDE-Inhibitoren und sGC-Stimulatoren verbindet