Corona: Keine Angst vor dem Arztbesuch

In diesen Zeiten sind das Bewusstsein und die Sorge um die eigene Gesundheit wahrscheinlich so groß wie nie zuvor. Trotzdem scheuen viele Menschen aufgrund der Pandemie den Arztbesuch, die Anzahl der Praxisbesuche ist in den letzten Monaten rapide gesunken. Dabei sorgen Ärzte und Mediziner gemeinsam mit dem Fachpersonal dafür, ihre Patienten und sich selbst bestmöglich vor Ansteckungen zu schützen. Das gilt natürlich für Mediziner jeder Fachrichtung – wir haben bei drei Ärzten hinter die Kulissen geschaut: Wie gestaltet ein Ophthalmologe seinen Alltag in Zeiten von Corona, wo er doch dem Gesicht der Patienten sehr nah kommt? Wie organisieren Radiologen den Praxisbesuch? Welche zusätzlichen Schutzmaßnahmen treffen Onkologen?

„Die Hygiene bei unserer Arbeit war und ist unser höchstes Gebot”

Unsere Augen begleiten und führen uns durchs Leben. Das eigene Augenlicht zu verlieren ist eine entsetzliche Vorstellung. Während Routinekontrollen in der Pandemie in den meisten Fällen problemlos verschoben werden können, kann es für Patienten mit akuten Beschwerden oder mit beispielsweise chronischen Makulaerkrankungen zu einer Verschlechterung des Sehvermögens kommen, wenn sie sich nicht rechtzeitig und zum Teil regelmäßig behandeln lassen.

Frau Univ. Prof. Dr. med. Antonia Joussen
Wir beobachten seit Beginn der Pandemie besorgt den Rückgang der Praxisbesuche. Es ist aber entscheidend, dass Patienten nicht nur bei akuten Beschwerden ihren Arzt kontaktieren, sondern auch laufende Therapien nicht eigenmächtig unterbrechen – ansonsten kann es sie unter Umständen das Augenlicht kosten. Beim diabetischen Makulaödem sowie der feuchten altersabhängigen Makuladegeneration beispielsweise, die vor allem Diabetiker und ältere Menschen betreffen, sollte die Behandlung unbedingt in regelmäßigen Abständen erfolgen, um erfolgreich zu sein. Patienten mit solchen Erkrankungen gehören häufig zur Risikogruppe und haben deshalb – verständlicherweise – Angst, sich bei der Behandlung oder im Wartezimmer mit dem Virus anzustecken. Aber ich möchte betonen: Arbeitshygiene war und ist unser höchstes Gebot. Aufgrund von Corona haben wir noch zusätzliche Maßnahmen ergriffen: Unsere Spaltlampen sind mit Plexiglas versehen. Da es bei den meisten Behandlungen nicht möglich ist, den Sicherheitsabstand einzuhalten, trage ich eine chirurgische Maske. Desinfektion, Maskenpflicht, Sicherheitsabstand sowie regelmäßiges Lüften stehen selbstverständlich auch bei uns an der Tagesordnung – wir tun alles, um unsere Patienten und uns so gut es geht vor dem Virus zu schützen. Bitte tun Sie das auch und schützen Sie sich und ihre Mitmenschen. Denken Sie dabei aber bitte auch an Ihr Augenlicht – unterbrechen Sie Therapien nicht ohne vorherige Absprache mit Ihrem Augenarzt.
Frau Univ. Prof. Dr. med. Antonia Joussen
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Direktorin der Augenkliniken der Charité Universitätsmedizin Berlin

„Eine Krankheit wartet nicht darauf, entdeckt zu werden”

Eine frühe Diagnose kann großen Einfluss auf die Behandlung und damit den weiteren Verlauf einer Erkrankung haben. Radiologen nutzen bildgebende Verfahren wie CT (Computertomographie) und MRT (Magnetresonanztomographie), um Krankheiten frühzeitig – oftmals vor dem Auftreten von Symptomen – zu erkennen und den Erfolg der Therapie zu überwachen. Wenn Patienten Termine bei Radiologen aus Angst vor Infektionen absagen, erhöht dies das Risiko, dass zum Beispiel Krebs oder Herzerkrankungen unentdeckt voranschreiten und notwendige Behandlungen sich verzögern.

Dr. Fan Yang
Wir wissen, dass jede erfolgreiche Behandlung mit der richtigen Diagnose beginnt. Es kann einen großen Unterschied machen, ob eine Krankheit oder ein Tumor jetzt oder erst in sechs Monaten entdeckt wird. Die Sicherheit unserer Patienten steht an erster Stelle. Für den Fall, dass ein möglicherweise mit dem Virus infizierter Patient untersucht werden muss, haben wir ein CT-Gerät in einem isolierten Raum platziert. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Hygiene: Wir reinigen und desinfizieren alles nach jeder Untersuchung, setzen Einwegmittel ein, um Kreuzkontaminationen zu vermeiden, lüften die Räume und warten eine Stunde, bevor wir den nächsten Patienten im Raum behandeln. Es ist nicht absehbar, wie lange wir mit dem Virus leben müssen, aber wir dürfen die anderen Krankheiten nicht vergessen. Eine Krankheit wartet nicht darauf, entdeckt zu werden.
Dr. Fan Yang, Stellvertretende Direktorin der Abteilung für Radiologie
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Wuhan Union Hospital, angeschlossen an die medizinische Fakultät der Universität für Wissenschaft und Technik Zentralchina, Wuhan, Provinz Hubei, China

„Krebs kann eine weitaus größere Gefahr für das Leben der Patienten darstellen als COVID-19“

Radiologen und Onkologen arbeiten Hand in Hand, denn nur wenn die Erkrankung entdeckt wird, kann sie auch behandelt werden. Eine Verzögerung in der Diagnostik kann daher entscheidenden Einfluss auf den Therapieerfolg haben. Aber nicht nur die Früherkennung ist wichtig, sondern auch die regelmäßige Therapie von Krebspatienten – auch in Zeiten von Corona. Doch viele von ihnen haben Angst, denn sie gehören aufgrund ihrer Erkrankung zur Risikogruppe – Operationen, Chemotherapien, Stammzelltransplantationen, all diese Behandlungen schwächen das Immunsystem. Viele Kliniken und Infusionszentren haben auf die Pandemie reagiert und Änderungen eingeführt, die es erlauben persönliche Besuche oder Behandlungen in einem sicheren Rahmen vor Ort zu ermöglichen.

PD Dr. Philipp Ivanyi
Ob und inwiefern Therapien unterbrochen, Operationen verschoben oder Behandlungen umgestellt werden können, ist von Fall zu Fall unterschiedlich und sollte immer individuell mit dem behandelnden Onkologen besprochen werden, der Ihre Situation am besten kennt. Dabei wiegt der Behandler auch die lokalen, regionalen und überregionalen Aspekte der COVID-Pandemie i.d.R. sorgfältig ab. Es gibt beispielsweise Patienten, die nicht zwingend zur Infusion vor Ort kommen müssen, da sie ihre Medikamente auch oral einnehmen können. Wo immer es möglich ist, versuchen wir aber Patienten persönlich zu empfangen, um Behandlungen fortzusetzen – natürlich mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. Dazu gehören neben dem Tragen einer Gesichtsmaske, der Wahrung der Abstandsregel und dem regelmäßigen Händewaschen, auch die sonstige Einhaltung der allgemeinen Hygieneregeln. Bei Patienten mit begründetem Verdacht erfolgen im Einzelfall Corona-Tests. Im Regelfall stellt eine aufwendige Logistik im Vorfeld schon sicher, dass Risikopatienten nicht in die Therapiebereiche gelangen. Ich glaube, zumindest in unserem Krankenhaus haben die Sicherheitsmaßnahmen dieses zu einem der sichersten Orte der Stadt gemacht. So ist der Aufenthalt für unsere Patientinnen und Patienten in der Spezialpraxis oder Spezialambulanz viel unproblematischer als die Anreise, der allgemeine Sozialkontakt oder etwa der Einkauf. Die Angst der Patientinnen und Patienten, sich mit Corona zu infizieren ist mehr als nachvollziehbar. Hier ist viel Feingefühl in der Kommunikation gefragt und es liegt an uns, den Patienten ein sicheres Gefühl zu geben. Eine Sache versuchen wir unseren Patienten in diesen Zeiten jedoch immer wieder vor Augen zu halten: Der Krebs stellt häufig eine weitaus größere Gefahr für ihr Leben dar als COVID-19. Wir appellieren daher eingehend an die Patienten, Therapien nicht ohne Absprache zu unterbrechen.
PD Dr. Philipp Ivanyi
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Oberarzt und Bereichsleiter Internistische Onkologie an der Medizinischen Hochschule Hannover

Gemeinsam gegen das Virus

Der Kampf gegen Corona kann nicht allein gewonnen werden. Das medizinische Fachpersonal in Praxen und Kliniken ist bei dieser Herausforderung auf die Unterstützung jedes Patienten angewiesen. Vertrauen in die medizinische Arbeit und Kooperation beim Arztbesuch sind elementar, damit eine Infektion mit SARS-CoV-2 wirklich vermieden werden kann. Der Einsatz jedes Einzelnen ist gefordert: Patienten sollten sich an die getroffenen Maßnahmen in den Praxen halten und sich angemessen auf ihren Arztbesuch vorbereiten. Diese Krise lehrt uns erneut eines: Gesundheit ist das wertvollste Gut, das jeder von uns besitzt. Aus diesem Grund dürfen andere Beschwerden und Krankheiten nicht in Vergessenheit geraten.