COVID-19

Long-Covid: Herzmuskelschäden müssen frühzeitig erkannt werden

Müdigkeit, Kurzatmigkeit, Brustschmerzen: Auch Wochen nach einer aktuten COVID-19-Infektion haben viele genesene Patienten mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Man spricht in diesen Fällen vom „Post-Covid-Syndrom“ oder von „Long-Covid“. Mediziner versuchen, die Erkrankung besser zu verstehen. Unterstützt werden sie dabei von Bayers Radiologie-Team.

Zu den Forschenden gehört die Kardiologin Dr. Valentina Püntmann von der Universitätsklinik Frankfurt. Durch die Analyse von MRT-Bildern (Magnetresonanztomographien) untersuchen Püntmann und ihr Team Herzen von genesenen COVID-19-Patienten.

 

Dr. Püntmann, Ihre Studie war eine der ersten, die im vergangenen Jahr Beweise dafür geliefert hat, dass COVID-19 das Herz schädigen kann.

In der Tat. Wir haben 100 COVID-19-Patienten rund zehn Wochen nach ihrem positiven Testergebnis untersucht. Diese Patienten haben sich freiwillig zu Forschungszwecken gemeldet und nicht aufgrund von Herzproblemen. Durch den Einsatz von MRTs und Gadolinium-haltigen Kontrastmitteln konnten wir bei drei von vier Patienten Herzschäden feststellen – unabhängig davon wie schwer ihre COVID-19-Infektion war und ungeachtet jedweder Vorerkrankungen.

 

Wie sehen die Veränderungen auf den MRT-Bildern aus?

Die Magnetresonanztomografie (MRT) ist eine äußerst sensitive Methode, um eine Beteiligung des Herzens zu diagnostizieren. Relativ häufig sehen wir etwa eine verminderte Pumpleistung, eine Herzmuskelentzündung oder -fibrose, vernarbtes Herzgewebe oder eine Herzbeutelentzündung. Herzmuskelentzündungen, auch Myokarditis genannt, sowie Herzbeutelentzündungen sind die häufigsten Arten von Herzschäden. Eine Myokarditis ist nicht leicht zu erkennen, da die Symptome in der Regel mild sind. Viele Patienten waren vor mir bei anderen Ärzten. Leider ohne erfolgreiche Diagnose. Oft ist die Pumpleistung des Herzens leicht beeinträchtigt und kann zu unregelmäßigen Herzschlägen führen. Das kann sich jedoch zu einer ernsteren Erkrankung entwickeln, die möglicherweise zu langfristigen Herzproblemen und in schweren Fällen sogar zu Herzversagen führt.

 

Was haben Sie mit diesen ersten Ergebnissen gemacht?

Um diese Ergebnisse besser zu verstehen, haben wir unsere Studie auf etwa 500 Patienten im Alter zwischen 18 und 60 Jahren ausgeweitet. Wir führen auch Folgeuntersuchungen durch, um die Entwicklung der Symptome und die Veränderungen im Herzen zu verstehen. Wir haben herausgefunden, dass viele Patienten Long-Covid-Symptome wie Atemnot bei minimaler Anstrengung oder brennende Brustschmerzen haben, die sechs Monate und länger nach der ursprünglichen Infektion anhalten. Eine Herzuntersuchung hat vielen geholfen, ihre Symptome besser zu verstehen und ihren Lebensstil anzupassen. Zum Beispiel indem sie einige Monate etwas weniger Sport treiben oder ihre Arbeitszeit reduzieren.

 

Wie kann ich feststellen, ob sich COVID-19 langfristig auf mein Herz ausgewirkt hat? Welche Symptome gibt es?

Long-Covid kann sich durch ein breites Spektrum von Symptomen zeigen, wie etwa mangelnde körperliche Belastbarkeit, Herzrasen oder atypische stechende und brennende anhaltende Brustschmerzen. Obwohl viele Patienten Schwierigkeiten beim Atmen haben, haben Post-Covid-Patienten keine fortgeschrittenen Merkmale einer Herzinsuffizienz, wie geschwollene Beine. Die Patienten waren in der Regel gesund und fit, bevor sie erkrankten. Einige von ihnen haben regelmäßig Sport gemacht oder waren sogar Leistungssportler. Sie haben zwar Mühe, ihre bisherige Fitness wieder zu erreichen, kompensieren das aber gut und entwickeln keine ausgeprägten Symptome. Diejenigen, die weniger fit waren oder leichten Bluthochdruck hatten, haben ausgeprägtere Symptome, einschließlich Müdigkeit, Erschöpfung und Herzrasen. In einigen Fällen sind die Patienten dadurch nicht mehr in der Lage, alltägliche Routineaufgaben zu erledigen. Die Lebensqualität ist noch Monate nach der Infektion beeinträchtigt.

 

Wie können Patienten bei Anzeichen von Herzschäden zu ihrer Genesung beitragen?

Ganz wichtig ist es, sofort mit Sport aufzuhören. Je mehr die Patienten versuchen, fit zu werden, desto stärker werden die Symptome. Sie müssen sich bewusst machen, dass ein geschädigtes Herz Zeit braucht, um zu heilen. Die meisten Patienten erholen sich nach drei bis sechs Monaten, manchmal aber auch erst nach einem Jahr. 

 

Viele Länder in Europa lockern aktuell die Coronaschutzmaßnahmen. Wird Long COVID noch immer unterschätzt?

Es ist wichtig, Long-Covid und die entsprechenden Symptome, die das Herz und andere Organe betreffen können, ins Bewusstsein zu rücken. Wir müssen uns weiterhin schützen, selbst wenn wir geimpft sind. Denn das Virus verschwindet nicht, selbst wenn die Infektionen aufgrund der Impfung viel milder verlaufen. Es ist unklar, inwieweit Impfungen Langzeitkomplikationen verhindern. Bis jetzt lag der Schwerpunkt während der Pandemie darauf, schwere Verläufe und Todesfälle bei älteren Menschen zu verhindern. Wir sollten aber nicht vergessen, dass auch Kinder und jüngere Erwachsene einem Risiko ausgesetzt sind.

 

Welche Merkmale beobachten Sie bei dieser Patientengruppe?

Die Mehrheit der Kinder scheint bei einer Corona-Infektion keine oder nur sehr milde Symptome zu entwickeln. Daten von englischen und spanischen Kollegen von mir zeigen allerdings, dass einige dieser Kinder ähnliche Symptome von Long-Covid zeigen wie Erwachsenen – und zwar noch Monate nach der Infektion. Wir haben auch sehr wenig systematisches Wissen über die Auswirkungen bei Jugendlichen. 

 

Wie beurteilen Sie die mittel- und langfristigen Auswirkungen von Long-Covid auf die öffentliche Gesundheit und die Gesundheitssysteme?

Impfungen sind der Schlüssel, um COVID-19 und die Folgen von Long-Covid zu bekämpfen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass Impfstoffe in so kurzer Zeit entwickelt wurden. Aber es ist noch nicht vorbei und die Situation entwickelt sich weltweit in einem anderen Tempo. Eine Coronavirus-bedingte Herzschädigung wird künftig wahrscheinlich eine von vielen möglichen Diagnosen sein, die Ärzte in Zukunft berücksichtigen müssen. Es ist allerdings möglich, dass die potenziellen Auswirkungen einer Infektion auf das Herz in den kommenden Jahren zu langfristigen Herausforderungen im Gesundheitswesen führen werden. Wir haben aber die Chance, das zu verhindern. Hier kommt das MRT ins Spiel. Durch die bildgebenden Verfahren kann man das Problem frühzeitig erkennen und den Verlauf der Erkrankung beobachten. Die frühe Diagnose einer sich entwickelnden Herzinsuffizienz kann die Behandlung mit entsprechenden Medikamenten erleichtern und die Genesung der Patienten beschleunigen. Gleichzeitig brauchen wir neue Behandlungsstrategien, um langfristige Schäden zu verhindern.

 

Was muss als Antwort auf diese relativ neue Erkrankung geschehen?

Natürlich liefern wir alle mit unseren Untersuchungen nur einzelne Puzzleteile eines großen Ganzen, aber das Bild wird klarer. Wir brauchen viele weitere klinische Studien, die Erkenntnisse liefern, was wir tun können, um Patienten zu helfen. Ich bin sehr davon beeindruckt, wie sich Wissenschaftler in aller Welt darum bemühen, COVID-19 und die potenziellen Langzeitfolgen einer Infektion besser zu verstehen. Diese Dynamik muss aufrechterhalten werden.

Über Dr. Valentina Püntmann

Dr. Valentina O. Püntmann ist außerordentliche Professorin an der Abteilung für Experimentelle und Translationale kardiovaskuläre Bildgebung des Universitätsklinikums Frankfurt und Fachärztin für Kardiologie. Sie ist auf die frühzeitige Diagnose und Behandlung von Herzerkrankungen, die zu einer Herzinsuffizienz führen können, spezialisiert. Sie gilt als weltweit anerkannte Expertin für inflammatorische Kardiomyopathie (COVID-19, virale Myokarditis, Kardio-Onkologie, Kardio-HIV, Kardio-Lupus) sowie hypertrophische und hypertensive Herzkrankheiten. Sie setzt sich für eine gezielte, interdisziplinäre kardiologische Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen ein. Püntmann hat über 100 Beiträge verfasst und mehr als 500 Konferenzpräsentationen gehalten. Sie ist Mitglied des EuroCMR-Prüfungsausschusses und ehemaliges Mitglied des Ausschusses für klinische Studien des SCMR. Dr. Püntmann leitet die Goethe CVI® Academy am Universitätsklinikum Frankfurt in Deutschland.

puntmann valentina
Dr. Valentina Püntmann