Brief von Werner Baumann

Erdüberlastungstag 2022

Overshoot

Seit 2020 schreibe ich jedes Jahr einen Brief am Earth Overshoot Day – dem Zeitpunkt im Jahr, an dem die Nachfrage der Menschheit nach ökologischen Ressourcen die Regenerationsfähigkeit der Erde übersteigt. Beim Verfassen der Briefe in den beiden vergangenen Jahren war mein Ausblick stark von der Pandemie geprägt. Ich hatte gehofft, dass wir nun endlich zu einem „normalen“ Jahr zurückkehren würden, in dem der Klimawandel und die Umwelt einen festen Platz ganz oben auf der globalen Agenda einnehmen. Während ich diesen Brief schreibe, leben wir in den meisten Teilen der Welt „mit“ der Pandemie. Doch gleichzeitig zerstört der russische Krieg gegen die Ukraine die Kornkammer Europas, die Energiepreise explodieren, eine Stagflation greift um sich, Lieferketten sind fragil und die Herausforderungen der Ernährungssicherung drohen die Weltgemeinschaft für weitere Monate, wenn nicht Jahre, im Griff zu halten. 

Die „Zeitenwende“ bewältigen 
Wir befinden uns inmitten einer Situation, die Bundeskanzler Olaf Scholz als „Zeitenwende“ bezeichnet hat – ein Wendepunkt, an dem die Globalisierung, wie wir sie kennen, möglicherweise vorbei ist. Ein epochaler Paradigmenwechsel scheint unmittelbar bevorzustehen. Ich bin mir sicher, dass dieser weltpolitische Zustand es erheblich erschweren wird, die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) bis 2030 zu erreichen. Schon im vergangenen Jahr haben wir deutliche Rückschritte beobachten müssen, beispielsweise in den Bereichen Armut und Hunger.


Vor allem im Hinblick auf die Ernährungssicherung müssen wir handeln, um eine humanitäre Katastrophe abzuwenden. Daran müssen alle mitwirken. Als weltweit führendes Unternehmen in der Landwirtschaft aktivieren wir bei Bayer sämtliche Ressourcen und Netzwerke, um insbesondere drei prioritäre Kernaufgaben anzugehen: Unterstützung der Landwirte in der Ukraine, Stabilisierung der Versorgung im Nahen Osten und Ostafrika sowie langfristige Anpassung an das Klima. Bei der Bewältigung dieser Krise dürfen wir nicht vergessen, wie stark die Herausforderungen miteinander verwoben sind. Während Putins Einmarsch in die Ukraine bedeutet, dass Weizen und Ölsaaten nicht effektiv geerntet, verarbeitet und exportiert werden können, sind viele Länder vor allem deshalb von diesen Importen abhängig, weil die klimatischen Bedingungen vor Ort es ihnen (zunehmend) unmöglich machen, selbst genügend anzubauen. Ob Krieg oder Frieden – wir müssen uns weiterhin auf Klimaschutz konzentrieren! 


Die Geschichte hat gezeigt, dass selbst in düsteren geopolitischen Krisen ein unermüdlicher Einsatz für unser Klima möglich ist. So wurde während des Kalten Krieges das Montreal-Protokoll beschlossen, das der Produktion von ozonschichtschädigenden Substanzen, die als Kühlmittel und Treibgas genutzt wurden, ein Ende setzte. 35 Jahre danach können wir es uns bei der Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft keine Verzögerung erlauben.


Konkreter und transparenter Fortschritt in puncto Nachhaltigkeit 
Im vergangenen Jahr habe ich diesen Brief am 29. Juli veröffentlicht und mit den folgenden Worten beendet: „Ich hoffe sehr, dass ich Ihnen in meinem Brief 2022 von weiteren Fortschritten in unserem Unternehmen berichten kann – dann hoffentlich zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr.“ Letzteres ist leider nicht eingetreten. Der Tag hat sich nicht weiter nach vorne verschoben, aber das Datum stagniert. Der erste Teil hat dagegen funktioniert und ich freue mich, mit Ihnen einige der konkreten Fortschritte zu teilen, die wir bei Bayer in den vergangenen zwölf Monaten erreicht haben:
 

  • Wir konnten 2021 unsere Treibhausgasemissionen um 11,5 Prozent senken und sind auf dem besten Weg, bis 2030 in unserem eigenen Betrieb klimaneutral zu werden. Gleichzeitig sind alle drei Geschäftsbereiche dynamisch gewachsen. Das bedeutet, dass wir Wachstum und CO2-Emissionen entkoppelt haben.
  • Wir konnten im Rahmen unserer Nachhaltigkeitsziele über die Divisionen hinweg zusätzlich 7,5 Millionen Menschen erreichen.

 

  • Unsere Initiative zum Carbon Farming zeigt große Wirkung. Sie wurde 2020 in den USA und in Brasilien gestartet. Mittlerweile unterstützen wir 2.600 Landwirte in zehn Ländern, was zu einer CO2-Bindung von rund 500.000 Tonnen führt und gleichzeitig die Einnahmen der Landwirte steigert. 2021 haben wir zudem die India Sustainable Rice Initiative ins Leben gerufen. Unser Hybridreis Arize® zur Trockenaussaat reduziert die Treibhausgasemissionen (Methan) um schätzungsweise 19 Prozent. Außerdem trägt das zur Bekämpfung der Wasserknappheit bei und kann das Einkommen von Kleinbauern verbessern.
  • Die renommierte Ratingorganisation CDP (zuvor bekannt als „Carbon Disclosure Project“) hat Bayer erneut als eines der im Bereich Klima international führenden Unternehmen eingestuft und uns mit „A“ das höchste Rating verliehen. Dank der nachweisbaren Maßnahmen gegen den Klimawandel gilt Bayer als weltweit führend in Bezug auf Ambitionen, Maßnahmen und Transparenz. Außerdem erhielt Bayer ein „A-“ im Bereich Wasser und ein „B“ im Bereich Wälder.
  • Die LEAF-Koalition (Lowering Emissions by Accelerating Forest Finance), die von Bayer mitgegründet wurde, hat zu COP26 bekannt gegeben, dass insgesamt 1 Milliarde US-Dollar für Länder mobilisiert wurde, die sich verstärkt dafür einsetzen, tropische und subtropische Wälder zu schützen und die Abholzung zu reduzieren. Damit wurde der Grundstein für eine der größten öffentlich-privaten Initiativen zum Schutz der Regenwälder gelegt. Wenn wir die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreichen und einen Weg finden wollen, die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, geht kein Weg daran vorbei, die Entwaldung rückgängig zu machen. 
  • Diese Koalition ist nur ein Beispiel dafür, wie wichtig Partnerschaften sind, um die nachhaltige Entwicklung voranzutreiben. So arbeitet Bayer auch mit bilateralen und multilateralen Entwicklungsbanken rund um den Globus zusammen, um die SDGs und die Reduzierung von Armut und Hunger weltweit zu unterstützen.
  • Bayer setzt sich für innovationsfreundliche politische Ansätze und regulatorische Rahmenbedingungen ein, die die Entwicklung und den Einsatz CO2-armer und -neutraler Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle fördern und dabei auch die Wettbewerbsfähigkeit stärken. Um volle Transparenz und eine gute Steuerung dieser Bemühungen zu garantieren, haben wir 2021 den ersten Bayer Industry Association Climate Review veröffentlicht, der in Zukunft alle zwei Jahre aktualisiert wird.
  • Bayer ist ein Partner der Kampagne „RUN BLUE“ von Wasseraktivistin, Abenteurerin und Sportlerin Mina Guli. Mina wird bis zur UN-Wasserkonferenz in New York im März 2023 rund 200 Marathons rund um den Globus laufen. Sie will Menschen und Unternehmen in aller Welt mobilisieren und das Bewusstsein für die wichtige Bedeutung von Wasser stärken. Der Schutz aller natürlichen Ressourcen – einschließlich Wasser – ist ein integraler Bestandteil von Bayers Engagement für nachhaltige Entwicklung.


Mit freundlichen Grüßen


Werner Baumann

Werner Baumann
Werner Baumann
Chairman of the Board of Management (CEO) of Bayer AG & Chief Sustainability Officer