Drohende Ernährungskrise

„Wir müssen sofort handeln“

Durch Putins Krieg in der Ukraine droht der Welt eine internationale Hungerkrise. Um die zu vermeiden bedarf es einer sofortigen engen Zusammenarbeit der internationalen Gemeinschaft, sagt Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG.

Während die Menschen in der Ukraine mit einem anhaltenden Albtraum konfrontiert sind, hat die russische Invasion eine globale Nahrungsmittelkrise in Gang gesetzt, die unser sofortiges Handeln erfordert. Schon zuvor musste das globale Ernährungssystem mit starken Rückschlägen zurechtkommen. Die Lage war wegen der Pandemie, Wetterphänomenen und relativ schwachen Ernten in Afrika und Lateinamerika schon zuvor angespannt. Rekordpreise für Lebensmittel in ärmeren Ländern oder steigende Kosten für Landwirte bei Energie und Dünger sind die Folge. Jetzt, mit dem verheerenden Krieg in der Ukraine, droht eine massive Unterbrechung der Versorgung – mit schwerwiegenden Folgen für Millionen von Menschen.


Der Markt allein wird diese unmittelbaren Auswirkungen der russischen Aggression auf das globale Nahrungsmittelsystem nicht lösen. Wir brauchen so schnell wie möglich gemeinsame Sofortmaßnahmen, um eine humanitäre Krise zu verhindern. Nach Berechnungen des Welternährungsprogramms leiden derzeit 276 Millionen Menschen an Hunger, davon stehen 44 Millionen in 38 Ländern an der Schwelle zum Hungertod. Die Auswirkungen des Krieges könnten diese Zahlen verdoppeln.


Die Ukraine gilt als Kornkammer der Welt, aber die Lage der Landwirtschaft vor Ort ist mehr als ungewiss: In weiten Teilen wird gekämpft. Die Infrastruktur ist beschädigt. Die Häfen sind blockiert. Niemand weiß, ob sich die Konfliktzonen auf die landwirtschaftlichen Gebiete ausweiten. Wenn die ukrainischen Landwirte jetzt nicht pflanzen können, wird die Ernte im Sommer deutlich geringer ausfallen und die Weltmarktpreise weiter in die Höhe treiben. Schon jetzt sehen wir, dass die ägyptische Regierung den Ankauf von Getreide abbricht, weil man sich die aktuellen Rekordpreise nicht leisten kann. Anhaltende Dürren in der Region verschärfen das Problem. Dazu kommt das aktuelle Wetterphänomen La Niña. Wenn es sich so wie vor zehn Jahren entwickelt, werden die Ernten noch schlechter ausfallen.


In dieser Situation müssen Unternehmen, Regierungen und internationale Organisationen entschlossen handeln:


1. Unterstützung der Ukraine
Wir müssen bei der akuten Nahrungsversorgung der Menschen helfen. Zudem müssen wir die Arbeit der ukrainischen Landwirte so weit wie möglich unterstützen. März und April sind dort die wichtigsten Monate, um Saatgut auszubringen und Düngemittel zu verwenden.


2. Vorrang für die Nahrungsversorgung
Auch Russland ist ein wichtiger Exporteur für die weltweite Nahrungsversorgung, was die internationale Gemeinschaft in ein fast unlösbares Dilemma zwingt: die Notwendigkeit strenger Sanktionen gegen Russland und gleichzeitig die Notwendigkeit, das Niveau der Nahrungsmittelproduktion aufrechtzuerhalten. Ich unterstütze strenge Sanktionen, fordere aber auch, unbeabsichtigte Folgen für die globale Versorgung zu vermeiden.


3. Internationale Zusammenarbeit
Alle Akteure im Nahrungsmittelsektor sollten die globale Versorgung unterstützen und nicht nur auf eigene Interessen achten. Das ist etwa ein Appell an Regierungen, die über volle Getreidevorräte verfügen und diese auf den Markt bringen sollten. Es ist genauso ein Appell an globale Unternehmen, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten und die Krise nicht auszunutzen.


4. Fokus auf Kleinbauern
In Entwicklungsländern sorgen Subsistenzlandwirte für etwa 80 Prozent der verfügbaren Lebensmittel. Angesichts ihrer Bedeutung für die Welt müssen Regierungen und Unternehmen sicherstellen, dass Kleinbauern umfassende Unterstützung erhalten, um ihre landwirtschaftliche Produktion zu steigern.

 


Dieser Beitrag von Werner Baumann ist zuerst erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er ist im Original hier nachzulesen.

Werner Baumann
Werner Baumann
Vorstandsvorsitzender der Bayer AG