Kann Ökolandbau allein die Welt ernähren?

Der Ökolandbau hat das Bewusstsein wie Bodengesundheit, Stoffkreisläufe, Fruchtfolgen, Mischkulturen oder die Verwendung von Nützlingen auf die Tagesordnung geschärft und wichtige Anstöße auch für die konventionell arbeitende Landwirtschaft geliefert. Doch zur Ernährung einer rasch wachsenden Weltbevölkerung ist er alleine nicht geeignet.

Der Ertrag ökologisch erzeugter Lebensmittel ist – je nach Frucht, Gemüse oder Getreide – nach einer Untersuchung für Deutschland zwischen 20 und 50% geringer; nur bei Heu und Silagepflanzen für die Viehfütterung ist sie bis zu 9% höher.

 

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Greenpeace zum Beispiel geht in seinem „Kursbuch Agrarwende“ davon aus, dass die Erträge in der Landwirtschaft in Deutschland bei kompletter Umstellung auf Ökolandbau um durchschnittlich 40% zurückgehen würden.

 

Agrarwissenschaftler der Humboldt-Universität zu Berlin und agripol haben im Auftrag des Industrieverbands Agrar in einer Studie aus dem Jahr 2013 errechnet, dass im Falle einer vollständigen Umstellung auf Ökolandbau 12,1 Millionen Tonnen Weizen in Deutschland pro Jahr weniger produziert würden. Dies entspricht der Menge, die 184 Millionen Menschen (also alle Einwohner von Deutschland, Frankreich und Polen zusammen) pro Jahr für ihre Ernährung benötigen. Der Ernteverlust bei Kartoffeln entspräche der Menge, die 155 Millionen Menschen pro Jahr verzehren.

Dennoch ist der Ökolandbau als Teil der Lebensmittelwirtschaft für viele Landwirte und Verbraucher eine Option. Daher bietet Bayer auch Produkte wie beispielsweise ein Fungizid an, die von Bio-Bauern eingesetzt werden.

 

Eine Welt, die sich ausschließlich von ökologisch erzeugten Lebensmitteln ernähren würde, bräuchte signifikant mehr Anbaufläche. Um die sog. Ertragslücke gegenüber der konventionellen Landwirtschaft auszugleichen, müssten im Schnitt 27 Prozent mehr Naturfläche in landwirtschaftliche Nutzfläche umgewandelt werden.

 

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Bisher wird weltweit nur ein Prozent der Ackerfläche nach den Regeln des Ökolandbaus bewirtschaftet. Wollte man zukünftig die ganze Welt mit Bioprodukten ernähren, bräuchte man deutlich mehr Fläche, was nur auf Kosten von Wäldern und anderen natürlichen Lebensräumen möglich wäre.
Matin Qaim
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Professor für Agrarökonomie, Universität Göttingen

Eine Studie der Universität Göttingen untersuchte den Einfluss des Ökolandbaus auf Umwelt und Klima in unterschiedlichen Regionen der Welt. Das Fazit: Ein Ausbau des Ökolandbaus im großen Stil würde prinzipiell zu einem zusätzlichem Verlust von natürlichen Lebensräumen und einer Verminderung der Artenvielfalt (Biodiversität) führen. Und pro Hektar verursache er zwar weniger Treibhausgas-Emissionen als die konventionellen Landwirtschaft, bezogen auf den Ertrag aber mehr. Zudem käme es zu einer Verteuerung der Nahrungsmittel, wovon insbesondere Menschen mit geringem Einkommen in Entwicklungsländern negativ betroffen wären.

In einem Gastbeitrag für Bioland, einen der führenden Verbände für ökologischen Landbau in Deutschland, nimmt Professor Matin Qaim, einer der Autoren der Studie, ausführlich Stellung zu den Ergebnissen: „Könnte der Ökolandbau allein die Welt tatsächlich ernähren? Wäre eine flächendeckende Umstellung der Landwirtschaft möglich und anstrebenswert? Ich beantworte diese Fragen mit einem klaren ‚Nein‘. Das heißt nicht, dass die Landwirtschaft nicht umwelt- und klimafreundlicher werden muss. Aber der Ökolandbau ist hierfür nicht das Patentrezept.“

 

Zu dem gleichen Schluss kommt auch der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). In seinem Gutachten Politik für eine nachhaltigere Ernährung vom Juni 2020 kommen die 18 Expertinnen und Experten zwar zu dem Schluss, dass der Ökolandbau hinsichtlich einer Reihe von Nachhaltigkeitskriterien „klare Vorteile“ aufweist. Weiter heißt es: „Eine Schwäche des Ökolandbaus stellen jedoch die niedrigen Erträge dar.“ Daher biete der Ökolandbau produktbezogen hinsichtlich der Klimawirkungen keine systematischen Vorteile gegenüber der konventionellen Landwirtschaft. Hinzu kommen, nach Ansicht des Beirats, Verlagerungseffekte, die nicht zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks der Landwirtschaft beitragen würden. Die Nachhaltigkeit müsse daher je nach Standort evaluiert werden und könne sich durch Wissen und Technologie ändern. Gerade deswegen, so folgt aus dem Gutachten, kann der Ökolandbau, der bestimmte Technologien kategorisch ausschließt, nicht die Hauptstrategie für mehr Nachhaltigkeit sein. Der Beirat plädiert stattdessen für „Systeme, die vergleichbare positive Umweltwirkungen wie der Ökolandbau aufweisen, dabei jedoch höhere Erträge und damit eine höhere Flächennutzungseffizienz realisieren.“