Exportiert Bayer Pestizide, die in Europa verboten sind, in Entwicklungsländer?

Tatsächlich produziert und exportiert Bayer Pflanzenschutzmittel, für die in Europa keine Zulassung beantragt wurde. Entweder weil sie in Europa nicht benötigt werden oder wir aus wirtschaftlichen Gründen auf einen Wiederzulassungsantrag verzichtet haben.

Dafür gibt es einen wichtigen Grund: Zahlreiche Pflanzenerkrankungen oder Schädlinge, die in Europa nicht relevant sind, sind in anderen Teilen der Welt ein großes Problem. Weltweit würden bis zu 40 bis 90 Prozent der Ernten verloren gehen, wenn es keine wirksamen Pflanzenschutzlösungen gäbe. Es wäre daher unverantwortlich, ausschließlich die in Europa zugelassenen Produkte zu exportieren. Eine solche Praxis würde nicht nur die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln beeinträchtigen, sondern auch die Lebensbedingungen von Millionen von Landwirten in aller Welt.

 

So ist zum Beispiel in Afrika das Swollen Shoot Virus (SSV) eine ernste Bedrohung für die Existenz der Kakaobauern. Es wird durch Schmierläuse übertragen. 

 

In China und Mexiko verwüstet ein Bakterium, das durch Blattflöhe übertragen wird, ganze Orangenplantagen durch das so genannte Citrus Greening: Die Blätter der Bäume verfärben sich, die Früchte verkümmern, werden bitter und eignen sich nicht mehr für den Verzehr oder die Saftproduktion. Die Bäume sterben innerhalb von drei bis fünf Jahren. Binnen kürzester Zeit können so ganze Anbauregionen verwüstet werden.

 

Der Sojabohnenrost, eine Pilzkrankheit, hat sich in den letzten Jahren aus seinem Ursprungsgebiet, den tropischen und subtropischen Regionen Asiens und Australiens bis nach Afrika, Südamerika und den Süden der USA ausgebreitet. Der Pilz (Pachyrhizus pachyrhizi) gilt wegen seiner schnellen Ausbreitung und der hohen Ertragsausfälle (bis 80 Prozent) als die gefährlichste Krankheit im Sojabohnenanbau. In Deutschland und im gesamten europäischen Raum kommt der Pilz nicht vor. 

 

In Asien bereiten der Blattbrand (eine Pilzerkrankung, die vom Wind übertragen wird), das Tungro-Virus (das von Reiszikaden verbreitet wird) sowie Reisschädlinge wie der Reisstängelbohrer, Reiswanzen oder Reiszikaden große Probleme beim Reisanbau. Allein in den tropischen Regionen Asiens fallen jedes Jahr schätzungsweise zwischen 120 und 200 Millionen Tonnen Reis solchen Schädlingen und Krankheiten zum Opfer. 

 

Ein anderes Beispiel ist der Herbst-Heerwurm – die Raupe eines Eulenfalters, der an mehr als 120 Pflanzen, darunter circa 80 verschiedenen Kulturpflanzen, frisst und derzeit epidemieartig in Afrika und Asien auftritt, nachdem er aus Südamerika eingeschleppt wurde. Typischerweise wird in betroffenen Regionen zunächst vor allem das Grundnahrungsmittel Körnermais, später dann auch Reis, Weizen sowie Hirse/Sorghum befallen. Auch Zuckerrohr (China) oder Sonnenblumen (Indien) können betroffen werden. 

 

Die ökonomischen Verluste sind verheerend und belaufen sich allein in Afrika auf jährlich bis zu 4,8 Milliarden US-Dollar.

 

Dies alles sind Schädlinge und Pflanzenkrankheiten, die in Europa nicht vorkommen und für deren Bekämpfung in den betroffenen Ländern wirkungsvolle Pflanzenschutzmittel absolut notwendig sind. 

 

Selbstverständlich wenden wir bei unseren Produkten weltweit einheitliche Sicherheitsstandards an und gehen dabei auch über lokale gesetzliche Bestimmungen hinaus.
 

Wie giftig sind die Pflanzenschutzmittel von Bayer?

Die WHO nennt 5 Klassen von Pflanzenschutzmitteln: 

 

  • Ia äußerst gefährlich; 
  • Ib hoch gefährlich; 
  • II mäßig gefährlich; 
  • III leicht gefährlich; 
  • U „bei normalem Gebrauch unwahrscheinlich, dass eine akute Gefahr besteht“.

 

Bereits 2011 hat Bayer entschieden, ab Ende 2012 die Produktion und den Verkauf aller Formulierungen der WHO-Klassen Ia und Ib einzustellen. Wir waren damit die ersten in unserer Branche. Und seit 2016 vermarkten wir ausschließlich Produkte, deren Wirkstoffe mindestens in einem OECD-Land zugelassen sind. Bei neuen Wirkstoffen muss ein vollständiges OECD-Sicherheitsdatenpaket vorliegen. Dadurch hat sich unser Portfolio stark verändert. Ältere Wirkstoffe wurden konsequent durch innovative Lösungen ersetzt, die die oben genannten Kriterien erfüllen. Bis 2026 werden wir zudem noch weitere Wirkstoffe freiwillig aus unserem Portfolio nehmen.

 

Aber wir tun noch mehr. Wir fördern zum Beispiel den professionellen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, indem wir in Afrika das Konzept der Spray Service Providers (SSPs) von CropLife Africa Middle East unterstützen. Mit diesem Programm werden Landwirte im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln ausgebildet und zertifiziert. Das SSP-Konzept wurde bereits in 14 afrikanischen Ländern eingeführt, in denen inzwischen über 12.000 professionelle SSPs im Einsatz sind. 

 

2021 haben wir im Einklang mit dem Verhaltenskodex der FAO rund 1,7 Millionen Landwirte in aller Welt geschult und uns dabei auf Länder konzentriert, in denen Schutzmaßnahmen bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln oder eine Zertifizierung der Anwender im sicheren Umgang mit Pflanzenschutzmitteln nicht gesetzlich geregelt sind. Wir führen Sicherheitsschulungen nicht nur für unsere eigenen, sondern auch für Fremd- und Außendienstmitarbeiter durch.

 

Darüber hinaus fördern wir Innovationen in der Spritztechnologie. In Asien, wo Kleinbauern traditionell Rückenspritzen verwenden, arbeiten wir mit Anbietern von Drohnentechnologie zusammen, um eine präzisere Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zu ermöglichen. 

 

Zudem stellen wir mit unserer Transparenzinitiative besseren Zugang zu sicherheitsrelevanten Informationen über unsere Produkte zur Verfügung. Im Rahmen dieser Initiative werden die Sicherheitsstudien von Bayer online veröffentlicht. Gestaltung, Durchführung und Dokumentation dieser Studien folgen international vereinbarten Richtlinien. Sie werden im Einklang mit internationalen wissenschaftlichen Standards durchgeführt, die als Gute Laborpraxis (Good Laboratory Practice, GLP) bekannt sind und Datenqualität, Integrität und Nachvollziehbarkeit der Studien garantieren. 

 

Ein wichtiger Unterschied zwischen der EU und anderen Regulierungsbehörden, einschließlich OECD-Ländern wie den USA, Kanada, Australien und Japan, ist die Tendenz, einen „gefährdungsbasierten“ Ansatz zu verfolgen. Dieser Ansatz basiert auf den Eigenschaften des Stoffes und nicht auf dem eigentlichen Risiko, also eine mögliche Exposition gegenüber dem Stoff. Wir halten es für wichtig, festzuhalten, dass unterschiedliche agronomische Bedingungen oder behördliche Zulassungen nicht bedeuten, dass Pestizide, die in einem Land zugelassen sind und in einem anderen nicht, unsicher sind. Werden die Pflanzenschutzmittel entsprechend den Anweisungen auf dem Label verwendet, sind sie sicher für Mensch und Umwelt.

 

Es trifft also zu, dass in Ländern wie zum Beispiel Brasilien eine ganze Reihe von Pflanzenschutzmittel zugelassen sind, die in der EU nicht oder nicht mehr zugelassen sind. Dieser Unterschied macht die Zulassung in Brasilien aber keineswegs zum Skandal, sondern basiert auf den unterschiedlichen agronomischen Bedingungen. Umgekehrt gibt es nämlich in der EU zahlreiche Pestizide, die in Brasilien keine Zulassung besitzen. Dazu zählen etwa die in Brasilien nicht zugelassenen Herbizide Pinoxaden, Flufenacet und Aclonifen, die Insektizide Tefluthrin und Fenoxycarb und die Fungizide Penflufen und Isopyrazam.

 

Deshalb sind wir davon überzeugt, dass es nicht nur gerechtfertigt, sondern auch verantwortungsvoll ist, Pflanzenschutzmittel, die in der Europäischen Union nicht zugelassen sind, innerhalb Europas zu produzieren und zu exportieren. Natürlich müssen die oben erläuterten Kriterien erfüllt sein und das importierende Land das Produkt für den Einsatz unter lokalen Bedingungen zugelassen haben.