Pflanzenschutzmittel - Zeit für gemeinsames Handeln

Unsere Versorgung mit Lebensmitteln ist keine Selbstverständlichkeit. Weil die meisten Menschen in wohlhabenden Ländern die Folgen von Ernteausfällen nicht mehr so direkt spüren wie ihre Großeltern und Urgroßeltern, gerät das oft aus dem Blick. Eine schnell wachsende und zunehmend wohlhabendere Weltbevölkerung stellt die landwirtschaftliche Produktion vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig sieht sie sich mit zunehmenden Problemen aufgrund von Klimaveränderungen konfrontiert. Wir benötigen effektive Pflanzenschutzmittel gegen Wildkraut, Schädlinge und Pflanzenkrankheiten, um auf weniger Land auch in Zukunft genug zu produzieren. 

Die UN-Welternährungsorganisation FAO prognostiziert, dass je nach Jahr zwischen 20-40 Prozent der Ernten verloren gehen. Jährliche Ernteverluste durch Pflanzenkrankheiten belaufen sich nach Informationen der FAO auf über 220 Mrd. US-Dollar. Insekten tragen zu Schäden von über 70 Mrd. Euro bei. Ohne innovativen Pflanzenschutz wird das UN-Ziel SGD 12.3 der Halbierung von Nahrungsverlusten nicht erreichbar sein. Ernteverluste zwingen viele Länder mit geringem oder mittlerem Einkommen, wertvolle Devisenreserven für Nahrungsmittelimporte aufzubrauchen statt in sinnvolle Entwicklung zu investieren.


Zur Realität gehört aber auch, dass ländliche Gemeinden in den ärmeren Teilen der Welt oft, wenn überhaupt, nur Zugang zu älteren, weniger wirksamen und bei unsachgemäßer Anwendung gesundheitsschädlichen Pflanzenschutzmitteln haben. Hinzu kommt, dass ältere Pflanzenschutzmittel negativere Umweltauswirkungen auf Biodiversität und Wasser haben als Wirkstoffe der neueren Generation. Deshalb wird unsere Industrie und auch Bayer für unseren Umgang mit und den Export von bestimmten Pflanzenschutzmitteln kritisiert. Wir wollen in einem offenen und transparenten Dialog daraus lernen und unsere Geschäftspraxis, aber auch Standards der Industrie und gesetzliche Regelungen verändern, um Missstände zu verbessern, ohne zugleich Ernten zu gefährden. 


Eine pauschale und dogmatische Verurteilung von Pflanzenschutzmitteln wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Gute, nützliche und sichere Wirkstoffe müssen klar von jenen abgegrenzt werden, die wirklich ein Risiko darstellen können. Eine fundamentale Ablehnung hilft hier nicht weiter. Was wäre etwa, wenn in Russland wegen Pilzbefalls eine komplette Weizenernte ausfiele, nur weil die NGOs über das Ziel hinausschießen? Die größten Importeure von Weizen sind Indonesien, Nigeria und Ägypten. Ohne Pflanzenschutz wäre eine extreme Ausweitung von Agrarflächen nötig und selbst bei massivem Rückgang des Fleischkonsums gegen alle prognostizierten Trends und voller Befürwortung neuer Züchtungsmethoden könnten 8 Milliarden Menschen nicht ernährt werden.


Mit vielen unserer kritischen Stakeholder sind wir uns einig bei den Zielen, die höchsten Sicherheitsstandards für Landarbeiter und Verbraucher anzuwenden und nachteilige Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu reduzieren. Mit mehr Gemeinsamkeit lassen sich diese Ziele erreichen. Dabei finden wir es wichtig, dass alle Beteiligten gerade dann wissenschaftliche Daten bei der Suche nach Lösungen ernst nehmen, wenn sie dem eigenen Weltbild widersprechen. Wir sind dazu bereit.


Uns stört zum Beispiel die Praxis wider besseres Wissen, inkorrekte Daten wie der immer wieder mal genannten Zahl von weltweit jährlich 200.000 Toten im Zusammenhang mit Pestizideinsatz ins Feld zu führen. Sie stammt von Hochrechnungen basierend auf einer veralteten lokalen Studie in Sri Lanka und ist längst widerlegt. Warum in der Diskussion falsche Behauptungen aufgestellt werden – wie etwa in der jüngsten Studie zu Doppelstandards, die von Inkota, PAN und der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben wurde (Link zum Twitter-Thread), erschließt sich uns nicht.


Unser Ansatz lässt sich in wenigen Punkten zusammenfassen:
 

Transparenz bei Sicherheitsstandards

Seit Beginn des letzten Jahrzehnts und verstärkt wieder seit 2019 führen wir intensive Gespräch mit Nichtregierungsorganisationen, um deren Kritik an unserem Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln besser zu verstehen. Im Kern wird kritisiert, dass die gesundheitsschädlichsten und veralteten Wirkstoffe vor allem in Ländern vertrieben werden, in denen Schutzausrüstung und Gerätschaft, die Risiken minimieren, fehlen. Als Resultat hat unsere Division Crop Science vor einigen Wochen unsere internen Standards zur Sicherheit von Pflanzenschutzmitteln veröffentlicht. Wir sind das erste Unternehmen, das diese Kriterien der Öffentlichkeit zugänglich macht. Unsere internen Sicherheitsstandards für Pflanzenschutzmittel orientieren sich an den Richtlinien und Standards von internationalen Organisationen wie der FAO, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie verschiedener Aufsichtsbehörden weltweit. Vor allem aber orientieren sie sich fortan an der Realität von Anwendungsbereichen vor Ort und nicht an wünschenswerten Bedingungen. 


Diese Standards entwickeln wir auf der Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse kontinuierlich weiter. Sie werden von uns weltweit angewendet – auch in Ländern mit niedrigeren Sicherheitsstandards. Schon im Jahr 2012 haben wir den Verkauf von Produkten gestoppt, die die WHO Toxizitätsstufe 1 erfüllen. Wir wollen darauf hinwirken, dass unsere Industrie, zumindest aber die forschenden Unternehmen, ähnlich hohe Standards setzen. Das wird kein einfacher Weg, denn die meisten unserer Wettbewerber sind der freiwilligen Selbstverpflichtung auch nach einem Jahrzehnt noch nicht gefolgt. Deshalb werden wir auf Basis der im ersten Quartal 2021 veröffentlichten Standards dafür eintreten, dass Regulierer die Zulassungsschwellen erhöhen.
 

Keine Doppelstandards – aber Exporte unter die Lupe nehmen

Wenn wir in Europa nicht zugelassene Pflanzenschutzmittel in andere Länder exportieren, hat das nicht automatisch mit Doppelstandards zu tun. Statt eines pauschalen Exportverbots, treten wir für mehr Differenzierung ein: Die Europäische Union muss sich zwei Realitäten stellen. Die eine ist, dass wir auf anderen Kontinenten teilweise andere Anforderungen haben, die auf Schädlinge, klimatische Bedingungen oder Pflanzenkrankheiten, die in unseren Breitengraden (noch) keine herausragende Rolle spielen, zurückgehen. So hat im vorigen Jahr ein in der EU nicht zugelassenes Insektizid in Ostafrika geholfen, während der Heuschreckenplage die Lebensgrundlage von mehr als 30 Millionen Menschen zu sichern, weil es erfolgreich gegen die gigantische Heuschreckenplage eingesetzt wurde. Es wurde in Frankreich produziert und dann exportiert. Im nächsten Jahr wäre das – und damit schnelle Hilfe bei einer Heuschreckenplage – nicht mehr möglich. Auch das Fungizid Antracol ist ein Beispiel dafür, dass manche Wirkstoffe in der EU nicht zugelassen werden, weil es die entsprechenden Probleme mit bestimmtem Pilzbefall von Pflanzen dort nicht gibt. In Japan und Australien darf es trotz sehr strenger Umweltauflagen eingesetzt werden – weil es keine Alternative gibt. Wir haben in moderne Produktionsanlagen, wie etwa derzeit in Dormagen und Verbesserung der Formulierung investiert. Das spielt auf die zweite Realität an. Die infragestehenden Wirkstoffe sind oft ohne Patentschutz. Ein EU-Exportverbot allein führt lediglich zu einer Substitution der Herstellerregionen und reduziert die Möglichkeiten, im Zusammenspiel von Wirtschaft, Entwicklungshilfe und Politik Lebensbedingungen in ländlichen Räumen, die heute extremer Armut ausgesetzt sind, zu verbessern. Entlang der Leitplanken, die diese beiden Realitäten repräsentieren, sieht Bayer Spielräume, EU-Exporte noch genauer unter die Lupe zu nehmen.   
 

Modernisierung unseres Portfolios 

Wie 2019 angekündigt, haben wir unser gesamtes Wirkstoffportfolio einer genauen Analyse unterzogen und entschieden, eine Reihe von Wirkstoffen vom Markt zu nehmen, weil innovativere Alternativen verfügbar sind – mitunter auch von Wettbewerbern. Um zu erschweren, dass andere Hersteller die sich auftuende Lücke schließen, werden wir mit Regulierern vor Ort daran arbeiten, Zulassungen aufzuheben. Ein Beispiel ist Carbendazim, das wir seit 1. Januar 2021 nicht mehr vermarkten. 
 

Gemeinsam für eine sichere Lebensmittelversorgung

Der Druck auf das Ernährungssystem ist zu hoch und die Zeit für die Entwicklung neuer Lösungen zu knapp, als dass die Gesellschaft es sich leisten könnte, bei dieser Debatte immer wieder in die alten Gegensätze zu verfallen. Die ganze Welt kann nicht durch ökologische Landwirtschaft ernährt werden. Daher darf Agrarpolitik nicht eine Situation erzeugen, an deren Ende einer wachsenden Weltbevölkerung sinkende Ernten gegenüberstehen. Wir bei Bayer arbeiten am Schutz von Nutzpflanzen mit geringerer Umweltbelastung und treiben dabei digitale Technologien in der Landwirtschaft voran, entwickeln biologische Produkte und besseres Saatgut. Allein im vorigen Jahr haben wir fast zwei Milliarden in Forschung und Entwicklung bei Crop Science entwickelt. Seit 2007 haben wir 15 neue Wirkstoffe mit hervorragenden Umwelt- und Sicherheitsprofilen auf den Markt gebracht. 

Wir sind bereit zu lernen – auch indem wir mit Stakeholdern zusammenarbeiten, die uns kritisch sehen. Deshalb freuen wir uns auf den weiteren Dialog mit Nichtregierungsorganisationen, Handel und Politik.