Auswirkungen des Klimawandels

Wie extreme Dürren die Landwirtschaft unter Druck setzen

Wasserknappheit betrifft Milliarden von Menschen, nicht nur auf der Südhalbkugel, sondern immer stärker auch in Europa und Nordamerika. Sie stellt eine der größten globalen Herausforderungen dar, die sich fortwährend verschärft und bereits heute die Landwirtschaft und unsere Lebensmittelversorgung bedroht. Wie können wir dieser vernachlässigten Krise Herr werden?  

Marci Green wartet verzweifelt auf Regen. „Wenn es im Juni noch anfängt zu regnen, können wir die Saison vielleicht retten“, sagt sie, schaut aus dem Fenster und lässt ihren Blick über die Felder schweifen, die den Hof der Familie im Osten des US-amerikanischen Bundesstaats Washington umgeben. Es ist Ende Mai und die Region hat „ziemlich ernste“ Dürren hinter sich, wie Marci Green berichtet. 


„Wir vergleichen es bereits mit der Dürre 2015, die unsere Erträge über die Kulturen hinweg im Durchschnitt halbiert hat.“ Sie ist Landwirtin in sechster Generation und baut mit ihrem Ehemann und ihren zwei Söhnen Weizen, Wiesenrispengras, Hülsenfrüchte und seit Kurzem auch Raps an. „In den vergangenen Jahren ist das Wetter immer extremer geworden. Es ist trockener, wärmer und windiger“, erzählt sie.

Farmer Marci Green with family
Marci Green mit ihrer Familie

 

Was sie beobachtet, ist in der Tat eine sorgfältig untersuchte und dokumentierte Folge des Klimawandels. Im Weltwasserbericht der Vereinten Nationen 2019 heißt es, dass die Erderwärmung die Zahl der Regionen mit Wasserproblemen erhöhen und die Wasserknappheit in bereits betroffenen Regionen verstärken wird. Steigende Temperaturen machen bereits trockene Gebiete trockener und feuchte Gebiete feuchter.

 

Eine stärkere Verdunstung, die Austrocknung der Oberflächen und die Senkung des Grundwasserspiegels bedrohen in vielen Regionen weltweit die Existenz von Landwirten, während andere ihre Erträge durch Überschwemmungen und Stürme gefährdet sehen.

 

Wasserknappheit verschärft Armut und Hunger

Extremere und schlechter vorhersehbare Wetterbedingungen betreffen vor allem ärmere Regionen. „Über 80 Prozent unseres Süßwasserverbrauchs entfällt auf die Landwirtschaft. Damit beeinträchtigt die Wasserknappheit in direkter Weise die Ernährungssicherung und verschärft Armut und Hunger“, erläutert Dr. Suhas P. Wani, ehemaliger Leiter des Entwicklungszentrums von ICRISAT (International Crops Research Institute for the Semi-Arid Tropics) und Berater der asiatischen Entwicklungsbank in Manila. 

Dr. Suhas P. Wani profile picture
Wir gehen davon aus, dass bis 2025 sieben Milliarden Menschen von Wasserknappheit bedroht sein werden. In Indien wird die Monsunzeit beispielsweise immer kürzer, was die landwirtschaftliche Produktivität senkt.
Dr. Suhas P. Wani
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Ehemaliger Leiter des Entwicklungszentrums von ICRISAT

Wird nicht entschlossen gehandelt, warnt Suhas Wani, könnte die Zahl derer, die Hunger leiden, jedes Jahr weltweit um 10 Millionen steigen. 

 

Doch auch in besser entwickelten Regionen sind Existenzen bedroht. Allein in Kalifornien führte die Dürre 2015, an die sich Marci Green erinnert, zu direkten Kosten im Wert von 1,84 Mrd. US-Dollar und den Verlust von über 10.000 saisonalen Arbeitsplätzen. Der US-Bundesstaat steht vor einem weiteren heißen, trockenen Sommer und leidet derzeit unter schwerer Dürre.

Hoover Dam, Lake Mead, drought
Der vom Hoover Dam gespeiste Lake Mead ist der größte Stausee der Vereinigten Staaten. Er ist auf einem Rekordtief.

 

Seit 2015 haben sich auch die Dürren in Europa verschlimmert und sind laut einer im März 2021 in der Fachzeitschrift Nature Geoscience veröffentlichten Studie so stark wie seit 2.100 Jahren nicht. Die Forscher fanden heraus, dass die zurückliegende Reihe an Sommerdürren in Europa verheerende ökologische, landwirtschaftliche und wirtschaftliche Folgen hat.

 

Die Europäische Umweltagentur EEA geht davon aus, dass Dürren und Wasserknappheit im Laufe dieses Jahrhunderts weiter zunehmen werden und konstatiert in einem Bericht, dass die sich verändernden Klimabedingungen schon heute den Anbau in Europa unter Druck setzen, vor allem bei mediterranen Kulturen wie Oliven und Weintrauben.

 

Das besorgniserregende Paradox: Bis 2050 wird der Hunger von schätzungsweise neun bis zehn Milliarden Menschen gestillt werden müssen. Dafür wird eine große Menge Wasser benötigt. Deswegen stehen wir heute weltweit vor der Herausforderung, den Wasserverbrauch nachhaltiger zu gestalten und mit derselben Menge mehr Nahrungsmittel zu produzieren. Technologie und angepasste Anbaumethoden könnten Teil der Lösung sein.

 

Widerstandsfähige Sorten und nachhaltige Anbaumethoden

 

„Eine breite Umsetzung optimierter Anbaumethoden, Fortschritte in der Pflanzenzüchtung, die widerstandsfähigere Kulturen hervorbringen, und der Einsatz von Biotechnologie in ländlichen Gebieten wird die Landwirte dabei unterstützen, das Wasser in ihren Betrieben gezielter einzusetzen, um den Bedarf zu decken und eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren“, erläutert Stella Salvo, Head of Breeding Partnerships for Smallholder Farming in der Bayer-Division Crop Science. 

Profile Picture Stella Salvo
Saatgut, das besser mit Trockenheit klarkommt, ist für Kleinbauern der Schlüssel, um dem Klimawandel zu begegnen.
Stella Salvo
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Head of Breeding Partnerships for Smallholder Farming, Bayer
Wussten Sie, dass …
... 2020 mit einer weltweiten Durchschnittstemperatur, die 1,2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau (1850–1900) lag, eines der drei wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen war?

Spezielle Technologien und Anbaumethoden können auch die Wassermenge reduzieren, die zum Anbau nötig ist. Kombiniert man solche Praktiken wie die Tröpfchenbewässerung mit integrierter Unkrautbekämpfung und weniger Pflügen, kann mehr Wasser im Boden gehalten werden, das den jeweiligen Kulturen dann zur Verfügung steht. 

 

Bei der Tröpfchenbewässerung wird das Wasser durch ein System von Röhren, Hähnen und Leistungen verteilt und direkt zu den Wurzeln der Pflanzen gebracht. So verdunstet weniger Wasser auf den Feldern. Der Wasserverbrauch kann damit um bis zu 60 Prozent gesenkt werden. 

Wird der Boden gepflügt, verdunstet hingegen mehr Wasser und mehr Boden trocknet an der Oberfläche aus. Deswegen spart weniger Pflügen Wasser. Da Unkräuter sich ohne Pflügen aber stärker ausbreiten, muss ein solches Verfahren mit angemessener Unkrautbekämpfung einhergehen.

 

„Wir sind dankbar dafür, dass Forscher neue Sorten entwickeln, die Dürren besser standhalten“, bestätigt Marci Green. „Und wir pflügen so wenig wie möglich, damit die Feuchtigkeit des Bodens erhalten bleibt. Dafür brauchen wir aber technologische Innovationen einschließlich Möglichkeiten zur Unkrautbekämpfung, die beim Anbau ohne Pflügen funktionieren.“

 

Maize field hit by drought
Ein ausgetrocknetes Maisfeld

Suhas Wani bestätigt, dass Technologie ein Schlüsselfaktor ist, um die landwirtschaftliche Produktivität trotz des Klimawandels zu steigern und zu sichern: „Wir brauchen Saatgut, das gegenüber hohen Temperaturen, Schädlingen, Krankheiten und Dürren widerstandsfähiger ist, und Sorten, die schneller geerntet werden können, da sich die Anbausaison verkürzt.“

 

„Innovative Technologien und Präzisionslandwirtschaft helfen Landwirten dabei, mit weniger Land, Wasser und Energie mehr zu erzeugen“, betont Stella Salvo. „Und ich bin davon überzeugt, dass wir dieses Saatgut so züchten und die Lösungen so anpassen können, dass alle Betriebe, groß und klein, davon profitieren. Ich habe das Glück, Landwirte in aller Welt kennengelernt und unterstützt zu haben. Daher habe ich mit eigenen Augen gesehen, was besserer Zugang zu Technologie und Know-how zur Sicherung robuster und verlässlicher Ernten für Kleinbauern bedeutet. Ich hoffe, dass immer mehr Menschen verstehen werden, dass die Instrumente der modernen Landwirtschaft sicher, nachhaltig und effektiv sind.“ 

 

 

Die Landwirtschaft hat das Potenzial, durch die weit verbreitete Einführung klimafreundlicher Praktiken, die nicht nur Emissionen reduzieren, sondern auch Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernen, zur Lösung der Klimakrise beizutragen.

Dem Klimawandel mit klimafreundlicher Landwirtschaft begegnen

 

Ein integrierter Ansatz mit optimierten Sorten, die dem Klimawandel besser standhalten, und Anbaumethoden, die gegen die Klimaveränderungen wirken, scheint der einzige Weg zu sein. So kann die Landwirtschaft Teil der Lösung werden. „Künstliche Intelligenz verändert die Art und Weise der Pflanzenzüchtung. Unsere Forschung verändert sich. Wir wählen nicht nur das Beste aus, sondern entwickeln das Beste selbst. Und wir müssen Partnerschaften eingehen und neue Technologien willkommen heißen, um mit dem Klimawandel Schritt halten zu können“, erläutert Stella Salvo. 

 

„Diese Technologien sparen nicht nur Wasser, sie helfen auch dabei, zum Schutz der Erträge weniger Chemikalien einzusetzen und schützen so die Bodengesundheit. Mit dem wachsenden Verständnis dafür, dass digitale Technologien bessere Ernten ermöglichen, werden unsere Lösungen immer präziser und damit effizienter.“

 

In Marci Greens Betrieb kommen mehrere solcher Praktiken zum Einsatz. „Wir nutzen Präzisionstechnologie und passen unsere Düngermenge anhand von GPS-Daten automatisch an. Damit wird nur gedüngt, wo es auch nötig ist. Vor allem die jüngere Generation ist sehr innovativ und viel offener gegenüber neuen Ansätzen und anderen Wegen“, erzählt Marci Green. Ihre Söhne sind Ende Zwanzig und beschäftigen sich mit klimafreundlichen Anbaumethoden einschließlich der Kohlenstoffbindung im Boden und der digitalen Steuerung der Pflanzenschutzmittelanwendung.

 

Suhas Wani weiß, dass viele Landwirte in weniger entwickelten Regionen keinen Zugang zu dem Know-how und den Technologien haben, die sie brauchen, um ihren Anbau an den Klimawandel anzupassen. „In Indien bekommen 51 Prozent der Landwirte überhaupt keine Unterstützung von irgendeinem Partner. 11 Prozent verlassen sich ausschließlich auf Unterstützung von Seiten der Regierung. Wir brauchen ein System zur Verbreitung von Wissen, dass alle Akteure – öffentlich und privat – miteinbezieht, einschließlich der Unternehmen und der NGOs“, betont er. 

 

Rice harvest in India
Eine Kleinbäuerin bei der Reisernte in Indien

„Wir müssen sicherstellen, dass all diese großartigen Technologien auch den Kleinbauern in aller Welt zur Verfügung stehen, sodass sie die Lösungen einsetzen können, die sie benötigen.“ So denkt auch Stella Salvo: „Wir müssen Kleinbauern und Wissenschaftlern in Entwicklungsländern eine stärkere Stimme und einen Platz am Verhandlungstisch verschaffen, damit sie uns sagen können, welche Technologien und welches Saatgut sie brauchen. Das Schöne am Wissenstransfer ist, dass er stets in beide Richtungen funktioniert.“


Ob man also mit einem Wasserexperten auf der Südhalbkugel, mit einer Landwirtin in Nordamerika oder der Vertreterin eines multinationalen Unternehmens spricht, eins ist klar: Es muss jetzt gehandelt werden. 2020 war eines der drei wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen. 

 

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres nannte 2021 bei der Vorstellung des Klimaberichts 2020 der Weltorganisation für Meteorologie „the make it or break it year“, also das Jahr, in dem Worten Taten folgen müssen – Taten über die Disziplinen und Regionen hinweg, und nicht nur am 17. Juni, dem Welttag für die Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre.

17. Juni: Welttag für die Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre


Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den 17. Juni offiziell zum „Welttag für die Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre“ erklärt, um die öffentliche Aufmerksamkeit zu erhöhen und die Menschen darüber zu informieren, dass Wüstenbildung und Dürre durch Zusammenarbeit auf allen Ebenen effektiv bekämpft werden können. Die UNO hofft, durch mehr Aufmerksamkeit auch die Umsetzung des Übereinkommens zur Bekämpfung der Wüstenbildung in den von Dürre und/oder Wüstenbildung schwer betroffenen Ländern, insbesondere in Afrika, zu fördern.