Extrem normal: 2021 und ein Blick auf Ernährung, Klimawandel und Wetterextreme

Er ist nicht unsichtbar. Noch ist er abstrakt. Und er liegt auch nicht weit in der Zukunft oder weit weg in einem fernen Land. Der Klimawandel ist real. Und zwar nicht nur am Polarkreis oder am Barrier Reef, sondern auch in der Landwirtschaft. Durch ihn könnte der nächste Einkauf im Lebensmittelmarkt zukünftig unangenehm werden: Wenn der Klimawandel nicht gestoppt wird, könnten die Lebensmittelpreise steigen, die Verfügbarkeit sinken und letztlich der Zugang zu Nahrungsmitteln, besonders für die am meisten Benachteiligten, eingeschränkt sein. Es werden allerdings Fortschritte erzielt. Landwirte und Wissenschaftler arbeiten zusammen, um die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern, landwirtschaftliche Betriebe widerstandsfähiger zu machen und dafür zu sorgen, dass unsere Versorgung mit Lebensmitteln erschwinglich und verlässlich bleibt.

 

Die Corona-Pandemie hat unser Leben verändert und verlangt noch immer einiges von uns ab. Sie hat aber auch das Beste in uns zum Vorschein gebracht: Wir waren innovativ. Wir haben zusammengearbeitet. Wir haben Masken auf Mund und Nase und unser Vertrauen in die Wissenschaft gesetzt. Wir mussten unsere Arbeitsweisen komplett neu erfinden. Alles für die kollektive Gesundheit und die eines jeden einzelnen.

 

Natürlich hatten die Lockdowns ihre Konsequenzen. Kontaktsperren setzten die Lieferketten unter Druck und unterbrachen diese in einigen Fällen, was noch immer zu Engpässen bei bestimmten Nahrungsmitteln führt. Steigende Arbeitslosigkeit und Schulschließungen gefährden die Fortschritte, die wir im Kampf gegen den Hunger in den vergangenen Jahrzehnten gemacht haben. 

 

Noch sind wir dabei, die Herausforderungen, die COVID-19 für die Lebensmittellieferketten geschaffen hat, zu meistern. Gleichzeitig dürfen wir nicht außer Augen verlieren, was die Zukunft von uns verlangt und dass sich die Welt immer weiter erwärmt.

 

Ein schleichender Notzustand

Obwohl sich der Klimawandel nicht über Nacht vollzieht, kann das auf seine Auswirkungen durchaus zutreffen.

 

In einer Region mag der Klimawandel als Überschwemmung – schwerwiegender und häufiger als sonst – daherkommen, in einer anderen als Waldbrand, der eine Plantage zerstört, oder als kleiner grüner Wurm, kaum so groß wie eine Heftzwecke.

 

Das ist die Herausforderung des Klimawandels. Ein einfacher, langsamer, linearer Anstieg der Temperatur auf der Erde führt zu komplett unterschiedlichen Konsequenzen. Konsequenzen, die man nur schwer vorhersagen und auf die man sich schlecht vorbereiten kann. Es gibt allerdings Gründe, um optimistisch in die Zukunft zu schauen. Denn unsere Innovationsfähigkeit nimmt an Fahrt auf. Und im Zuge steigender Temperaturen wird diese Dringlichkeit Landwirten, Wissenschaftlern und Forschern in aller Welt immer stärker bewusst.

 

1°C

Aktuell liegt die Temperatur weltweit um etwa 1 Grad Celsius höher als vor der Industrialisierung. Verschiedene Regionen der Welt erwärmen sich allerdings in unterschiedlichem Tempo. Die schnellste Erwärmung findet zum Beispiel in der kalten Jahreszeit in der Arktis oder im Sommer der Regionen mittlerer Breiten statt, wozu die Vereinigten Staaten und Europa zählen.

 

In den Temperaturzonen, in denen das meiste Getreide für die industrialisierte Welt angebaut wird, beobachten wir eine Zunahme extremer Wetterereignisse: Starke Winde und Überschwemmungen haben zuletzt die Ernten in der Kornkammer der USA zunichte gemacht, Hitzewellen und zu wenig Regen haben die Landwirtschaft in Europa verändert, und im Westen der USA haben Dürren und Waldbrände selbst die widerstandsfähigsten Betriebe – und Gemeinden – gefährdet.

 

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„Viele der neueren, regenerativen Methoden haben wir aufgrund immer extremerer Wetterbedingungen eingeführt. Wir experimentieren mit mehrjährigen Zwischenfrüchten, um neue Ansätze zu finden und um uns auf diese Unsicherheit einzustellen.“
Chris Gaesser
,
Mais- und Sojabauer; Mitglied bei Soil Health Partnership, Lenox, Iowa

220 Mrd. US-Dollar

So viel kosten Pflanzenkrankheiten die globale Wirtschaft jedes Jahr.

1.5°C

Was würde bei einem Temperaturanstieg um ein weiteres halbes Grad passieren?

 

Zusätzlich zu den häufiger auftretenden extremen Wetterbedingungen haben es Landwirte seit Mitte des 20. Jahrhunderts als Folge der Erderwärmung auch mit immer schlimmeren und stärker verbreiteten Pflanzenkrankheiten zu tun. Aktuell sind Pflanzenkrankheiten für bis zu 30 Prozent der weltweiten Ernteverluste verantwortlich. Und der Klimawandel verschärft das Problem: Die Krankheiten werden nicht nur schlimmer; sie erreichen auch neue Regionen. Viele Krankheiten breiten sich über ihr bisheriges geografisches Spektrum hinaus aus.

 

Forschungen, die die Entwicklung von Pflanzenkrankheiten seit den 60er-Jahren beobachten, zeigen, dass Krankheitserreger wie Pilze sich im Zuge der steigenden Temperaturen jedes Jahr über drei Kilometer Richtung der Pole bewegen. 

 

Wichtige Kulturen wie Zitrusfrüchte, Bananen, Sojabohnen und Kartoffeln werden allesamt durch auftretende Krankheiten bedroht. Sie zu bekämpfen, wird durch die weltweit steigenden Temperaturen immer komplizierter. Citrus Greening breitet sich beispielsweise mit steigenden Temperaturen immer weiter nach Norden aus. Diese unheilbare Pflanzenkrankheit bedroht die Existenz des Zitrusfrüchte-Anbaus und hat amerikanische Landwirte bereits Milliarden von Dollar gekostet.

 

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10%

der Weltbevölkerung sind unterernährt, während die Temperaturen weiter ansteigen.

2°C

Bei einem Temperaturanstieg um 2 Grad gerät der Planet an einen Wendepunkt, von dem es kein Zurück mehr gibt. Deswegen wurde diese Schwelle auch als Grenzwert im Pariser Klimaabkommen der Vereinten Nationen gewählt. Wenn die Erde sich um 2 Grad erwärmt, würden sich rund 13 Prozent unserer Landfläche in ein komplett anderes Ökosystem verwandeln. Das würde auch die Funktionsweise der Landwirtschaft tiefgreifend verändern.

 

Insektenplagen würden sich durch die Klimaverschiebungen beispielsweise schneller in neue Regionen ausbreiten. Für Landwirte bedeutet das, dass Schädlinge, die es bisher nur im Süden gibt, auch nördlichere Regionen erreichen und dort unter Umständen die Lebensmittelproduktion und die Artenvielfalt beeinträchtigen. 

 

Eine aktuelle Studie belegt, dass die Maisproduktion in den USA um 18 Prozent sinken könnte, wenn wir es nicht schaffen, die Erderwärmung auf unter 2 Grad zu begrenzen. Das würde die Agrarproduktion mindestens 15 Jahre zurückwerfen in eine Zeit, zu der eine Milliarde weniger Menschen auf der Erde lebten. Erwärmt sich die Erde um 4 Grad, würde sich die Maisproduktion nahezu halbieren. Aber natürlich betrifft das Klimaproblem nicht nur eine Kultur oder ein Land, es ist viel größer.

 

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Können Landwirte unsere Lebensmittel schützen?

Unser Klima ist wie ein riesiges Schiff. Es in die eine oder andere Richtung zu steuern, erfordert viel Vorlauf, Voraussicht und zahlreiche Stellhebel. Und je stärker wir vom Kurs abweichen, desto gefährlicher werden die Gewässer. 

 

Die Herausforderungen durch den Klimawandel mögen weit weg und abstrakt erscheinen. Was aber, wenn die Bedrohung unmittelbar spürbar wird? Für diejenigen, die unsere Nahrungsmittel anbauen, ist das der Fall.

 

Landwirte bekämpfen den Klimawandel gemeinsam mit Experten aus der Wissenschaft und Technologie an zwei Fronten. Erstens arbeiten sie daran, die Auswirkungen des Klimawandels so zu meistern, dass weiterhin genügend Lebensmittel produziert werden können. Und zweitens stellen die Landwirte selbst einen wichtigen Teil der Lösung dar, indem sie die Ursachen des Klimawandels mit Methoden, die CO2 aus der Atmosphäre entfernen und im Boden binden, angehen.

 

Extreme Widerstandsfähigkeit

Als Antwort auf den Klimawandel müssen einige Kulturen ihre Form verändern. Wenn herkömmliche Maispflanzen, die etwa 2 bis 3 Meter hoch sind, während eines Sturms umknicken, ist die Ernte verloren und die natürlichen Ressourcen, die bereits in das bisherige Wachstum gesteckt wurden, sind verschwendet. Deswegen entwickeln und testen Wissenschaftler bei Bayer kürzere Maispflanzen. Dieser kurzstämmigere Mais kann Stürmen besser standhalten, ist so genauso produktiv für den Landwirt und letztendlich nachhaltiger für die Umwelt.

 

1

 

In einigen Teilen der Welt kann der Klimawandel dazu führen, dass es weniger regnet. Doch die Landwirte haben Innovationen auf ihrer Seite: Pflanzensorten, die gegenüber Dürren resistent sind, und auf künstlicher Intelligenz basierende Überwachungssysteme, durch die der Landwirt erfährt, wann seine Pflanzen Wasser brauchen und wann nicht, führen zu mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft. Einige Landwirte verfügen auch über Tröpfchenbewässerungssysteme, die bis zu 40 Prozent Wasser einsparen können.

 

Außerdem können Landwirte durch kompostierende Pflanzen das Feuchtigkeitsniveau im Boden stabilisieren. Nachhaltige Anbaupraktiken, beispielsweise das Pflanzen von nicht-saisonalen Zwischenfrüchten oder der Verzicht auf Pflügen, helfen den Feldern ebenfalls, mehr Wasser zu speichern. Tatsächlich bedeutet jede Zunahme der organischen Bodensubstanz um 1 Prozent 20.000 Gallonen mehr Wasser pro Acre im Boden.

 

So wie das Wasser helfen auch der Einsatz von Zwischenfrüchten und konservierende Bodenbearbeitung dabei, CO2 aus der Atmosphäre im Boden zu speichern.

 

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Nur wenige Faktoren im landwirtschaftlichen Betrieb, die die Erträge beeinträchtigen, sind schwieriger vorherzusagen und haben größere Folgen als die Entscheidung, ein Fungizid gegen eine Pflanzenkrankheit einzusetzen. Dank digitaler Tools können Landwirte die Entwicklung ihrer Felder über die gesamte Saison hinweg beobachten, die Gesundheit der Felder nachverfolgen und ihr Feld bequem managen. Die nächste Generation der digitalen Landwirtschaft wird Empfehlungen für den Einsatz von Fungiziden umfassen, die aus Daten und künstlicher Intelligenz generiert werden. Möglichkeiten, Anwendungen zu planen, gepaart mit Pflanzensorten, die gegenüber bestimmten Krankheiten resistent sind, werden der Landwirtschaft dabei helfen, schnell auf Krankheiten zu reagieren, die durch den Klimawandel neue Regionen erreichen.

 

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Wärmeres Wetter macht Insekten aktiver, sie vermehren sich stärker und sind letztendlich auch hungriger. Einer der wirtschaftlich bedeutendsten Schädlinge, der Herbst-Heerwurm, vermehrt sich durch den Klimawandel rasant. Der Schädling, der sich am liebsten von Mais ernährt, bevorzugt ein warmes, feuchtes Klima. Deswegen gibt die Erwärmung im Mittleren Westen der USA Anlass zur Sorge. Doch Landwirte haben darauf eine Antwort: Bayer hat genetisch veränderte Pflanzen entwickelt, die Proteine enthalten, mit denen sich die Pflanze selbst schützen kann. Dadurch ist es für den Heerwurm tödlich, wenn er die Pflanze anknabbert.

 

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Ein Licht am Ende des COVID-Tunnels?

Es stimmt. Die CO2-Emissionen sind 2020 zurückgegangen. Die Corona-Pandemie hat Reisen eingeschränkt, den Energieverbrauch gesenkt und den stetigen Ausstoß von CO2 in die Atmosphäre durch menschliche Aktivitäten verringert. Das ist aber noch lange nicht das Ende der Geschichte. Der rund achtprozentige Rückgang der Emissionen in 2020 war alles andere als nachhaltig. Für diesen geringfügigen Rückgang der Emissionen haben wir einen maximal hohen Preis bezahlt. 

 

Hat die Pandemie also auch ihr Gutes, wenn es um CO2-Emissionen geht? Hat sie, wenn man daran glaubt, dass Wissenschaft und Innovation die Antwort auf dringende globale Herausforderungen sind. Die letzten beiden Jahre haben uns gezeigt, dass Zusammenarbeit immer noch die beste Antwort und Einfallsreichtum immer noch die beste Lösung ist.

 

Ob wir diese Pandemie überstehen oder nicht, war nie die Frage, denn wir haben viel höhere Ziele: „Health for All, Hunger for None“ für diese und alle folgenden Generationen steht für uns auf der Agenda. CO2 zu reduzieren und unsere Erde wieder ins Gleichgewicht zu bringen, ist genauso wichtig. Natürlich sind die Landwirtschaft und die Landwirte nur ein kleiner Teil einer größeren, globalen Antwort. Mutige Innovationen in verschiedenen Branchen werden nötig sein, um diese Probleme zu lösen.