Wie wir dem Klimawandel entgegenwirken können, indem wir Lebensmittel retten

Der Verlust und die Verschwendung von Lebensmitteln heizen unseren Planeten auf – auf vielfältige Weise

Laut der Food and Agriculture Organization (FAO) schafft es ein Drittel aller Lebensmittel, die zum menschlichen Verzehr produziert werden, gar nicht bis auf den Tisch. Dieses Drittel geht stattdessen verloren oder wird verschwendet, und die Emissionen, die notwendig waren, um es zu produzieren, kurbeln den Klimawandel weiter an.

 

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist eine globale Herausforderung. Hier geht es aber nicht nur darum, dass wir das wegwerfen, was wir nicht aufessen. Vom Zeitpunkt der Aussaat an bis zu den Endprodukten, die bei uns im Müll landen, gehen Nahrungsmittel verloren oder werden verschwendet.

 

Allerdings gehen bereits vor der Ernte bis zu 40 Prozent der Nahrungsmittel aufgrund von Schädlingen, Krankheiten und extremen Wetterbedingungen verloren.

Von Lebensmittelverlust sprechen wir, wenn es um Prozesse geht, bevor der Kunde ins Spiel kommt – von der Ernte über Lagerung, Transport bis zur Auslieferung und Verarbeitung

Warum sind Lebensmittelverlust und -verschwendung ein so wichtiges Thema?

 

Lebensmittelverluste und -verschwendungen haben starke Auswirkungen auf die Gesellschaft. Sie tragen zum Klimawandel, zu Hunger, zu wirtschaftlicher Unsicherheit und zum Druck auf die begrenzten Ressourcen bei. Die FAO schätzt, dass rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmitteln jedes Jahr verloren gehen oder verschwendet werden. Dadurch entstehen 1 Billion US-Dollar wirtschaftliche Kosten, rund 700 Milliarden US-Dollar Umweltkosten und 900 Milliarden US-Dollar soziale Kosten.

 

Aus ökologischer Sicht entfallen auf die Produktion von Lebensmitteln, die verloren gehen oder verschwendet werden, schätzungsweise 8 % (etwa 4,4 Gigatonnen) der jährlichen Treibhausgasemissionen – vier Mal mehr, als durch den Flugverkehr verursacht wird. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, da die Emissionen zur Instabilität des Klimas beitragen und extreme Wetterbedingungen wie Überschwemmungen oder Dürren wahrscheinlicher machen, durch die ganzen Ernten vernichtet werden. Diese Umweltveränderungen wirken sich auch auf die Qualität des Bodens aus und fördern Krankheiten und Insekten, die den Nutzpflanzen zu schaffen machen.

 

Nach der Ernte hinterlässt der Verlust von Nahrungsmitteln weiterhin einen erheblichen CO2-Fußabdruck. Ineffiziente Lagerung und unachtsamer Umgang können zu Treibhausgasemissionen führen. Darüber hinaus sorgt der Transport von Lebensmitteln, die letztendlich nicht verzehrt werden, für Emissionen durch den Verkehr, und auch die Kühlung verbraucht Energie.

 

Und dann ist da noch der höchste Preis, den wir dafür zahlen: Schätzungsweise leidet etwa einer von zehn Menschen weltweit an chronischem Hunger. Die unsichere Ernährung stellt heute eine der weltweit größten Herausforderungen dar, und der Verlust von Lebensmitteln trägt dazu bei.

 

Von Lebensmittelverlust sprechen wir, wenn es um Prozesse geht, bevor der Kunde ins Spiel kommt – von der Ernte über Lagerung, Transport bis zur Auslieferung und Verarbeitung

 

Was können wir tun, um den Verlust und die Verschwendung von Lebensmitteln zu verringern?

 

Natürlich gibt es keine Patenlösung, um der Verschwendung und dem Verlust von Lebensmitteln entgegenzuwirken. Es handelt sich um ein vielschichtiges Problem, das gemeinsame Anstrengungen aller erfordert, von Landwirten, Fabriken, Restaurants, Regierungen und allen anderen Akteuren in der Lebensmittelkette bis hin zum Verbraucher.

 

Alles beginnt dabei auf den Feldern, auf denen unsere Nahrungsmittel wachsen. Um zu garantieren, dass sie gedeihen können, muss das Saatgut vor Krankheiten und Schädlingen sowie vor extremen Wetterbedingungen geschützt werden. Ohne Pflanzenschutzmittel wären etwa 970 Millionen Hektar zusätzlich nötig, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren – mehr als das Staatsgebiet der USA. Für John Boelts, Landwirt in Arizona, sind neue Saatgutsorten der Schlüssel:

Wir müssen die Qualität und die Technologie des Saatguts weiter verbessern und neue Sorten verstehen und entwickeln, um die Probleme, vor denen wir tagtäglich stehen, zu lösen. So sind zum Beispiel Sorten, die gegenüber Schimmel und Krankheiten resistent sind, sehr wichtig. Sie verbessern wirklich die Produktion und reduzieren dabei den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Ernteverluste.
John Boelts
,
Landwirt in Arizona, USA

Doch technologische Innovationen sind nicht unbedingt überall auf der Welt verfügbar. Kleinbauern in Entwicklungsländern benötigen Zugang zu den Mitteln, die auch den anderen Landwirten weltweit zur Verfügung stehen. Ein Ansatz ist also, ihnen dabei zu helfen, hochwertigeres Saatgut zu kaufen. Doch Innovationen sind auch nach der Aussaat von Vorteil. Kostenlose agronomische Beratung kann nachhaltige Landwirtschaft fördern, indem Mittel wie Dünger präziser und in geringerer Menge angewendet werden.

 

Ein wichtiger Faktor für die Vermeidung von Lebensmittelverlusten ist die Fähigkeit, Sorten zu züchten, die länger haltbar sind, wie beispielsweise neue, von Bayer entwickelte Tomatenpflanzen. Das Bayer-Team hat das Erbgut von über 500 Tomatensorten untersucht und daraus neue Hybride geschaffen, deren Früchte 12 bis 14 Tage lang essbar sind, und nicht nur die gewöhnlichen 5 bis 7 Tage lang haltbar. Sie sind darauf zugeschnitten, die langen Transportwege in Indien zu ermöglichen, wo fast 40 Prozent aller geernteten Tomaten aus Mangel an kühler Lagerung und angemessener Infrastruktur verlorengehen. Die neuen Sorten konnten die Treibhausgasemissionen aufgrund der Reduzierung von Lebensmittelverlusten und -abfällen reduzieren. Bevor sie Zugang zu diesen Sorten hatten, war es für die Landwirte ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie mussten über 400 Kilometer am Tag zurücklegen, um den Markt zu erreichen, bevor die Ware auf der heißen Ladefläche des Lasters verderben würde. Länger haltbare Tomaten können auch die Inflation der Lebensmittelpreise reduzieren. Dadurch werden Nahrungsmittel für einkommensschwache Familien erschwinglicher und besser zugänglich. Ein ähnlicher Ansatz wurde bei Melonen umgesetzt, und zwar mit einer Sorte, die goldgelb wird, wenn genau die richtige Reife erreicht ist, und so dem Landwirt zeigt, dass es Zeit für die Ernte ist. Indem diese Melone genau zum richtigen Zeitpunkt geerntet wird, kommt sie frisch beim Verbraucher an und hält sich damit länger.

 

Vom Feld in den Kühlschrank: Wie kann die Verschwendung während der Lieferkette minimiert werden?

 

Abgesehen davon, was auf dem Feld getan werden kann, ist es wichtig, die Logistik des Transports und der Lieferkette zu betrachten, um Lebensmittelverluste zu reduzieren. Für Sanne Stroosnijder, Programmleiterin für nachhaltige Lebensmittelketten am Forschungsinstitut Wageningen Food & Biobased Research, spiegeln sowohl die Herausforderungen als auch die möglichen Lösungen die jeweilige Art wider, in der Lieferketten in den verschiedenen Regionen organisiert sind.

 

In den Entwicklungsländern geschieht der Großteil der Lebensmittelverluste in der Regel rund um die Farm, nach der Ernte aufgrund von Schwierigkeiten bei der Lagerung, der Weiterverarbeitung und der Transportinfrastruktur. Im Gegensatz dazu werden in reicheren Ländern mehr Lebensmittel auf Einzelhandels- und Verbraucherebene verschwendet.

 

Lebensmittelverlust und -verschwendung haben viele Gesichter. Daher gibt es auch kein Allheilmittel für diese globale Herausforderung, vor der wir stehen. Vielleicht brauchen wir tausende verschiedene Lösungen für all die unterschiedlichen Aspekte, Länder, Regionen, Sektoren und Produkte
Sanne Stroosnijder
,
Programmleiterin für nachhaltige Lebensmittelketten am Forschungsinstitut Wageningen Food & Biobased Research

„Das Phänomen zeigt sich auch unterschiedlich, je nachdem in welchem Teil der Welt wir uns befinden.“ In Asien, Afrika und Südamerika produzieren 500 Millionen Kleinbauern 80 Prozent der Nahrungsmittel. Hier ist der Zugang zu Lösungen entscheidend, nicht nur, um so viele Menschen ernähren zu können, sondern auch um dem Klimawandel entgegenzuwirken.“

 

Also müssen für jeden einzelnen Teil der Lieferkette Lösungen gefunden werden. So ist es zum Beispiel entscheidend, die Waren während der Lagerung zu schützen. Bayer hat digitale Lösungen zur Schädlingsbekämpfung entwickelt, die es Verarbeitern, Einzelhändlern und Restaurants ermöglichen, die Lagerbedingungen zu überwachen, damit keine Nahrungsmittel Krankheiten oder Schädlingen zum Opfer fallen.

 

Stroosnijder ist der Ansicht, dass die verschiedenen Akteure der Wertschöpfungskette enger zusammenarbeiten müssen, damit diese optimal funktioniert und Lebensmittelverluste minimiert werden. Diese Zusammenarbeit wird angesichts der schwankenden Nachfrage durch die globale Pandemie noch dringender. Diese hat deutlich gezeigt, dass Agilität entscheidend ist: „Wir sprechen hier von der Natur, lebenden Pflanzen, Früchten und Gemüse und Tieren – die scheren sich nicht um COVID-19“, betont Stroosnijder.

 

Einzelhändler könnten sich auch mit der Frage beschäftigen, wie viel Wert aktuell auf das Aussehen der Ware gelegt wird. 

 

 

Schätzungsweise kommen 20 bis 30 Prozent genießbarer Lebensmittel gar nicht erst auf den Markt, weil sie ästhetische Mängel haben, zum Beispiel Vernarbungen bei Melonen oder Zwiebeln. Auch verformtes oder leicht von der Sonne verbranntes Obst wird zurückgelassen, obwohl es absolut essbar ist.
Don Hartman
,
Landwirt in New Mexiko, USA

Dadurch dass sich in letzter Zeit aber Apps und Initiativen verbreiten, werden die Verbraucher zunehmend offener gegenüber Obst und Gemüse, das sonst aus ästhetischen Gründen abgelehnt worden wäre. Doch Verbraucher müssen sich nicht nur auf Apps verlassen, um der Verschwendung von Lebensmitteln in ihrem Haushalt zu reduzieren. Es gibt viele einfache Wege, die Lebensmittelverschwendung zu minimieren und das Klima zu schützen. Vom Landwirt zum Verbraucher – wir alle können unseren Beitrag leisten. Warum fangen wir nicht sofort damit an?

 

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