Warum unsere Landwirtschaft neue Lösungen für den Pflanzenschutz braucht
Schädlinge breiten sich, auch wegen des Klimawandels, in erschreckendem Umfang vom Mittelmeerraum nach West- und Mitteleuropa aus. Gerade in Deutschland stehen Landwirtinnen und Landwirte der Herausforderung vielfach hilflos gegenüber. Ihnen gehen die Mittel für den Schutz ihrer Pflanzen aus. Der damit verbundene Rückgang der Erträge gefährdet zunehmend die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln hierzulande.
Kennen Sie die Schilfglasflügelzikade? Namensgebend sind vor allem ihre durchsichtigen Flügel. Früher in begrenzter Zahl an Schilfufern zu Hause, ist die Zikade vor etlichen Jahren aufs Feld umgezogen, hat sich stark vermehrt und bedroht nun vor allem Zuckerrüben, Kartoffeln und verschiedene Gemüsearten, indem sie bakterielle Erreger von Pflanzenkrankheiten überträgt. Allein im vergangenen Jahr hat das Insekt Kartoffeln und Zuckerrüben auf mehr als 100.000 Hektar allein in Deutschland geschädigt. Der Verlust für die Landwirtinnen und Landwirte beträgt bis zu 100 Prozent, die Ersten fürchten bereits um ihre Existenz. Obwohl das Problem seit geraumer Zeit bekannt ist, gibt es bis heute kein funktionierendes Gegenmittel.
Warum nicht? Das Beispiel ist symptomatisch für die aktuelle Situation in der Landwirtschaft. Strenge regulatorische Hürden in der EU und in Deutschland verkleinern die Auswahl an verfügbaren Pflanzenschutzlösungen immer weiter. Seit 2019 wurde in der EU kein neuer chemisch-synthetischer Wirkstoff mehr genehmigt. Zeitgleich sind mehr als 80 Substanzen vom Markt verschwunden. Hinzu kommt: Weitere 40 Prozent der heute noch verfügbaren Wirkstoffe könnten in den nächsten zehn Jahren wegfallen. Gleichzeitig warten aktuell fast 70 neue Wirkstoffe auf Genehmigung – sie stecken fest in einem bürokratischen System, das durch die stetige Zunahme verschärfter Anforderungen, administrative Überlastung und Unsicherheiten lahmgelegt wird.
Die Folgen sind deutlich spürbar. Wirkungslücken und Resistenzen nehmen zu, auch in großen Anbaukulturen wie Getreide oder Rüben. Beim Getreide macht der kontinuierliche Wegfall von Wirkstoffen die Gräserkontrolle zu einem handfesten Problem. Der Klimawandel verschärft die Bedrohung zusätzlich, indem er neue Schädlinge und Krankheiten nach Europa bringt. Die Sicherung der Erträge wird für unsere Landwirtschaft so zur Herkulesaufgabe. Dabei sollte die EU-Verordnung 1107/2009 zur Genehmigung von Pflanzenschutzwirkstoffen eigentlich ein Gleichgewicht zwischen dem Schutz von Mensch, Tier und Umwelt einerseits sowie der Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft andererseits schaffen. In der Praxis überwiegen jedoch Restriktionen, die Innovationen ausbremsen.
Wir brauchen also dringend eine Neuausrichtung. Die EU muss auf wissenschafts- und risikobasierte Zulassungsverfahren setzen, die tatsächliche Expositionen statt theoretischer Gefahren bewerten. Im Übrigen erlaubt die Verordnung Ausnahmen bei akuter Bedrohung der Pflanzengesundheit – ein Instrument, das die EU endlich nutzen sollte. Wenn sich nichts ändert, werden Investitionen in Forschung und Entwicklung in Europa immer unattraktiver, weil die Unsicherheit durch verzögerte Zulassungen zunimmt. Das in Europa so oft bemühte Vorsorgeprinzip darf sich nicht in Restriktionen und Verboten erschöpfen – Vorsorge bedeutet auch, Landwirtinnen und Landwirte mit den nötigen Werkzeugen auszustatten, um Nahrungsmittel zu erschwinglichen Preisen zu produzieren.
Die Schilfglasflügelzikade ist ein Weckruf. Wenn wir jetzt nicht handeln, riskieren wir nicht nur Ernteausfälle, sondern die Grundlage unserer Ernährungssicherheit. Eine entpolitisierte, realistische Debatte über die Chancen und Risiken von Pflanzenschutzmitteln ist überfällig. Gemeinsam mit Politik und Landwirten sollten wir Lösungen finden, die unsere Landwirtschaft zukunftsfähig machen – bevor der nächste Schädling das System an seine Belastungsgrenze bringt.