Marianne De Backer und Jean Stéphenne über COVID-19 und die Behandlungen von morgen

Im Interview sprechen Marianne De Backer, Head of Business Development & Licensing bei Bayer, und Jean Stéphenne, Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Impfstoffentwicklers CureVac, über die Behandlungen von morgen und die Lehren aus der Pandemie.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich am 13. März 2021 auf www.tijd.be und www.lecho.be veröffentlicht.

 

Die Liste der belgischen Vertreter, die im Kampf gegen Corona mitwirken, ist beeindruckend: Da sind beispielsweise Paul Stoffels, die Nummer Zwei des amerikanischen Pharmariesen Johnson & Johnson (J&J), Luc Debruyne, der Impfstoffberater der Europäischen Kommission und Peter Piot, der Corona-Berater von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

 

In diese Aufzählung reiht sich auch Jean Stéphenne ein, der Aufsichtsratsvorsitzende des deutschen Biotechnologieunternehmens CureVac, das voraussichtlich im kommenden Monat grünes Licht für seinen Corona-Impfstoff in Europa erhalten wird. Und natürlich Marianne De Backer, die für die externe Wachstumsstrategie des deutschen Pharmaunternehmens Bayer verantwortlich ist und zuvor in mehreren leitenden Positionen bei J&J tätig war.

 

Als Dealmaker bei Bayer – allein im letzten Jahr schloss sie 25 Vereinbarungen mit Unternehmen der Pharma- und Biotechnologiebranche ab – beobachtet De Backer den internationalen Markt im Pharma- und Biotech-Sektor genau, stets auf der Suche nach den spannendsten Innovationen. So hat sie immer den Überblick über die vielversprechendsten Entwicklungen.

 

„Ungeachtet der Corona-Krise befinden wir uns mitten in einer Revolution unserer Branche,“ erklärte De Backer in einem virtuellen Doppelgespräch mit Pharmaveteran Jean Stéphenne, der in einem früheren Leben über 20 Jahre lang die belgische Impfstoffsparte von GlaxoSmithKline geleitet hat. „Wir sehen etliche Innovationen auf den Markt drängen, für die vor Jahren Nobelpreise vergeben wurden. Dazu gehören zum Beispiel die ersten Gentherapien, spektakuläre Ergebnisse in der Stammzelltherapie und auch CRISPR (die sogenannte Genschere, Anm. d. Red.) wird ganz neue Dinge ermöglichen. Mit diesen Innovationen haben wir das Potenzial, 45 Prozent aller Krankheiten zu bekämpfen.“

 

„Es sind bereits großartige Behandlungen auf dem Markt, wie zum Beispiel die CAR-T-Zell-Therapie. Diese Immuntherapie ermöglicht es, patienteneigene T-Zellen zu entnehmen, sie so zu verändern, dass sie einen spezifischen Tumor angreifen, und dann wieder in den Körper einzubringen. Noch individueller kann Medizin gar nicht sein. Die große Herausforderung besteht aber darin, diese Therapien erschwinglich zu machen. Wir als Branche müssen einen Weg finden, diese Innovationen als breit anwendbare Behandlungsoptionen in großem Rahmen verfügbar zu machen. Alleine kann das kein Unternehmen leisten. Daher werden wir zukünftig immer mehr Partnerschaften und Netzwerke erleben.“

 

Wie können diese Innovationen das Leben von Patientinnen und Patienten verbessern?

 

Marianne De Backer: „Nehmen wir die Parkinson-Krankheit als Beispiel. Eine irreversible Erkrankung, von der weltweit 8 Millionen Menschen betroffen sind und bei deren Behandlung 50 Jahre lang keine Fortschritte gemacht wurden. Bis heute können wir nicht viel mehr machen, als ihre Symptome zu behandeln. Es gibt dort einen riesigen medizinischen Bedarf, den diese neuen Techniken möglicherweise decken können.“

 

„Bei Bayer versuchen wir es unter anderem mit einer Gentherapie, bei der wir ein Gen mittels harmloser Adenoviren als Transportvehikel in den Körper einbringen. Dort führt das Gen zur Produktion eines Proteins, von dem sich im Tiermodell gezeigt hat, dass es nach 3 bis 6 Monaten die Mobilität verbessern kann. Für Patientinnen und Patienten mit Parkinson, die oft nicht einmal eine Tasse Kaffee halten können, würde das ihr Leben grundlegend verändern.“

 

„Ein weiterer Ansatz besteht darin, Neuronen aus Stammzellen zu nutzen. Mit CRISPR/Cas kann man diese Zellen besser, wirksamer und sicherer machen, sodass sie vom behandelten Körper nicht abgestoßen werden. Es wird sehr viel möglich werden.“

 

Mit der Corona-Krise kam auch der Durchbruch der mRNA-Technologie (auch messenger-RNA genannt), einer neuartigen auf Boten-Ribonukleinsäure basierenden Technologie, die sich CureVac, Moderna und Pfizer-BioNTech bei der Impfstoffproduktion zu Nutze machen. Welches Potenzial hat diese Technologie?

 

Jean Stéphenne: „Erst einmal werden wir mRNA nutzen, um diese Pandemie zu bekämpfen. Sie bietet die schnellste Möglichkeit, auf neue Varianten zu reagieren und Impfstoffe anzupassen. Aber mRNA könnte auch bei der Heilung von Krebs helfen, und das bleibt eine unserer Prioritäten. CureVac führt gerade zwei klinische Studien in der Onkologie durch. Eine davon zu Hautkrebs. Dabei spritzen wir mRNA in den Tumor, damit dort Zytokine hergestellt werden (eine Art von Protein, die den Tumor bekämpft, Anm. d. Red.). Zudem forschen wir gemeinsam mit dem Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim zu Lungenkrebs. Kooperationen wie diese sind einfach sinnvoll: Die Biotech-Unternehmen haben die Innovationen, die Pharmaunternehmen haben das Geld und die nötige Größe, um klinische Studien zu ermöglichen.“

„Weil es sich beim mRNA-Ansatz um eine Plattformtechnologie handelt, wenden wir ihn auch auf seltene Krankheiten an. Wie lässt sich ein Gendefekt beheben? In Mäusen ist das nachweislich möglich, aber wie schaffen wir das beim Menschen? Wir arbeiten zwar in dieser Richtung, das kann aber noch 20 Jahre dauern. Man braucht Geduld und eine Vision.“

Marianne de Backer
Ich hoffe, dass nach dieser Pandemie eines im kollektiven Gedächtnis bleibt, nämlich, dass die Investition in die Wissenschaft den bestmöglichen Schutz bietet.
Marianne de Backer
,
Head of Business Development & Licensing bei Bayer

De Backer: „Natürlich kostet Forschung viel Geld, aber in Zeiten wie diesen rentiert sich das. CureVac hat das Glück, einen Kapitalgeber zu haben (Hauptanteilseigner Dietmar Hopp, bekannt als Gründer des Software-Konzerns SAP, Anm. d. Red.), der im Laufe der Jahre 1 Milliarde Euro investiert hat, um das Unternehmen am Laufen zu halten und Innovationen anzuregen. Wir müssen so weitermachen. Bayer investiert jährlich 2,5 Milliarden Euro allein in die unternehmenseigene Forschung und Entwicklung. Das ist teuer und riskant, aber die positiven Auswirkungen sind immens.“

 

Bisher war Bayer im Bereich der Impfstoffe nicht sehr aktiv, ist aber eine Allianz mit CureVac eingegangen, um dem kleineren Unternehmen bei der Entwicklung und Produktion seines Corona-Impfstoffs zu helfen. Warum dieser Zusammenschluss?

 

De Backer: „Vor Covid-19 gab es die Großen Vier der Impfstoffe: Das waren GSK, Sanofi, Merck und Pfizer. Als die Pandemie ausbrach, wurde sehr schnell klar, dass besondere Anstrengungen nötig werden würden. Um die ganze Welt zu impfen, braucht man 12 bis 14 Milliarden Impfstoffdosen. Dafür werden alle gebraucht, die mithelfen können. In normalen Zeiten würden wir uns nicht mit der Impfstoffproduktion beschäftigen, aber CureVac kann unser Fachwissen und unsere Größe wunderbar nutzen. Bayer geht diese Kooperation mit Begeisterung an.“


Stéphenne: „Als kleines Biotech-Unternehmen hat CureVac nicht die nötige Infrastruktur, um im großen Maßstab zu produzieren. Dafür braucht man ein globales Netzwerk. Wir können unseren Corona-Impfstoff nicht allein auf den Markt bringen. Deshalb sind wir kürzlich eine Kooperationsvereinbarung mit dem Schweizer Unternehmen Novartis eingegangen, um unseren Impfstoff herzustellen.“

 

„Auch für die Sicherheitsüberwachung bedarf es einer gewissen Größe. Wenn der Impfstoff in großen Gebieten und Mengen verimpft wird, erhält man mehr Einblicke in mögliche Nebenwirkungen. Diese muss man dann aber auch großflächig überwachen, was wir allein nicht leisten könnten. Bayer hingegen verfügt über dieses globale Netzwerk.“

 

Es sind bereits einige Probleme mit der Impfstoffproduktion aufgetreten. Ein Beispiel ist die europäische Saga rund um die Impfstoffe von AstraZeneca. Können Sie garantieren, dass mit CureVac nichts schief geht?

Jean Stéphenne
Impfstoffe herzustellen ist etwas anderes, als Limo in Flaschen zu füllen. Sowohl der Produktionsprozess als auch die Lieferkette sind äußerst komplex.
Jean Stéphenne
,
Aufsichtsratsvorsitzender von CureVac

Stéphenne: „Dabei kann vieles schiefgehen. Schauen Sie sich die schwierigen Gespräche zwischen AstraZeneca und der EU an. Oder die Haltung der USA. Auf der Grundlage ihres Verteidigungsgesetzes blockieren sie sowohl den Export von Impfstoffen als auch den von für die Herstellung benötigten Materialien. Davon sind Zutaten wie die Lipide betroffen, die zur mRNA-Produktion benötigt werden, aber auch das Material für die Aufreinigung der Impfstoffe wie Chromatographiegele und Filter. Vieles davon wird uns normalerweise aus den USA geliefert, doch die Hersteller müssen jetzt zuerst die Produzenten in den USA beliefern, bevor die Ausfuhr nach Europa möglich ist.“

 

„Umgekehrt würde auch Europa sagen ‚Europa zuerst‘ und falls nötig die eigenen Mechanismen zur Verhinderung von Exporten nutzen. Einfach gesagt: Die Lage ist alles andere als einfach.“

 

De Backer: „Bayer muss unter anderem seine Werke anpassen, neues Equipment kaufen, aufstellen und validieren, und das richtige Personal finden. Es ist ein unglaublich komplizierter Prozess, und dabei haben wir die eigentliche Produktion des mRNA-Impfstoffs noch gar nicht angesprochen. Ich verstehe, dass der Bedarf riesig ist. Aber unsere Branche tut bereits ihr Möglichstes, um diesen so schnell und sicher wie möglich zu decken. Vielleicht haben die Unternehmen, die nicht einfach am Spielfeldrand stehen bleiben, etwas mehr Anerkennung und Applaus verdient.“

 

„Ich verstehe, dass die Menschen ungeduldig sind und sich Sorgen machen. Mein Schwiegervater ist 87 Jahre alt und immer noch nicht geimpft. Das ist frustrierend. Wir alle wollen unser normales Leben zurück. Aber wir müssen den Menschen klarmachen, wie schwierig das alles ist. Dieses Wissen zu vermitteln wird uns mehr helfen, als mit dem Finger auf die anderen zu zeigen.“

 

Die Corona-Krise hat schmerzlich offengelegt, dass weder die Regierungen noch die Pharmaindustrie auf diese Pandemie vorbereitet waren. Sind wir für die nächste besser gerüstet?

 

De Backer: „Einen guten Teil meines Lebens habe ich bei J&J den Infektionskrankheiten und Impfstoffen gewidmet. Selbst vor der Pandemie waren Infektionskrankheiten für die meisten Todesfälle verantwortlich, wurden aber leider nur wenig beachtet. Ich glaube, wir haben im vergangenen Jahr eine ganze Menge gelernt und es wird sich etwas verändern. In den USA gibt es mit der BARDA (US-Regierungsbehörde für biomedizinische Forschung und Entwicklung, Anm. d. Red.) bereits eine Organisation, die für solche Ereignisse gut aufgestellt ist.“

 

„Die BARDA hatte erheblichen Einfluss während dieser Krise. Sie gab Moderna 1,5 Milliarden US-Dollar, um seinen Impfstoff zu entwickeln und die Produktionskapazität aufzubauen. Dadurch konnte Moderna rasch bei anderen Unternehmen Produktionskapazitäten reservieren und schnell vorankommen. Die BARDA versorgte auch J&J mit finanziellen Hilfen für die Entwicklung von deren Corona-Impfstoff.“

 

Europa baut mit dem Hera-Inkubator eine Art europäischer BARDA auf, um besser auf Pandemien vorbereitet zu sein. Wie sollte diese Einrichtung idealerweise aussehen?

 

Stéphenne: „Sie können sie mit der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) vergleichen, in der die 27 Mitgliedsstaaten und die besten Fachleute zusammenarbeiten. Sie ist sehr erfolgreich und arbeitet genau so gut wie die FDA, ihr amerikanisches Pendant. Die Mitgliedsstaaten verfügen über reichlich Fachwissen und Erfahrung auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten; denken Sie beispielsweise an das Institut für Tropenmedizin in Antwerpen. Jetzt muss ein Netzwerk aufgebaut werden, das auf der europäischen Ebene koordiniert wird und die Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie anregt.“

 

De Backer: „Dafür müssen einige Voraussetzungen gegeben sein. Ein europäisches Surveillance-System, das sofort Alarm auslöst, wenn eine neue Pandemie anrollt. Gelder für klinische Forschung, die sonst möglicherweise kaum beachtet würde. Und Öffentlich-Private Partnerschaften, sodass Therapien bei Bedarf schnell produziert werden können.“

 

Jetzt, da die Impfkampagnen langsam Fahrt aufnehmen, fragen sich viele, wann wir zu unserem „normalen Leben“ zurückkehren können. Wie sehen Sie die nahe Zukunft?

 

Stéphenne: „Entscheidend ist die Akzeptanzrate der Impfstoffe. Wenn sich 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung einer Impfung verweigern, werden das Virus und seine gefährlichen Varianten weiter zirkulieren. Aber ich bin optimistisch, dass sich die Akzeptanz noch verbessern wird. Wir sehen keine schweren Nebenwirkungen der Impfstoffe, und das sollte das Vertrauen beim Rest der Bevölkerung stärken.“

 

„Außerdem müssen wir die ganze Welt impfen. Europa hat Verträge mit der Impfkoalition COVAX unterzeichnet, um die Impfstoffe weltweit verfügbar zu machen. Auch US-Präsident Joe Biden hat angekündigt, dass die USA die Initiative unterstützen werden. Wir müssen aber realistisch bleiben.“

Marianne de Backer
Wir laufen hier gerade einen Marathon. Es wird 18 Monate bis 2 Jahre dauern, bevor wir das Virus unter Kontrolle haben.
Marianne de Backer
,
Head of Business Development & Licensing bei Bayer

In vielen Entwicklungsländern haben die Impfkampagnen dagegen noch nicht einmal begonnen. Stehen die pharmazeutischen Unternehmen da nicht in der Verantwortung, das Ganze zu beschleunigen?

 

De Backer: „Die Biotechnologie- und Pharma-Unternehmen hinter den Impfstoffen, wie beispielsweise CureVac, arbeiten bereits mit Regierungen und gemeinnützigen Organisationen unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation WHO an COVAX. Ziel ist es, bis zum Jahresende den ärmeren Ländern 2 Milliarden Impfdosen zur Verfügung zu stellen. Es geschieht also schon Einiges, aber es ist auch noch mehr möglich.“

 

Stéphenne: „Die Impfstoffhersteller führen jetzt auch klinische Forschung zur Wirkung der Corona-Impfungen bei Jugendlichen durch, und anschließend sollen die Impfungen bei jüngeren Kindern getestet werden. Das braucht Zeit. Bei CureVac machen wir unseren Impfstoff stabiler, damit er nicht mehr so kalt gelagert werden muss. Wir zielen darauf ab, ihn bei 4 °C für 3 Monate stabil zu halten. Und wir glauben, dass uns das schon gelungen ist, aber die Zulassungsbehörden müssen das noch absegnen. Dieser Schritt wäre für die Entwicklungsländer wichtig, weil die dortige Verteilung damit deutlich erleichtert würde.“

 

Schließen wir mit einer eher philosophischen Frage: Hat diese Pandemie das Zeug dazu, unsere Gesellschaft zum Besseren zu verändern?

 

De Backer: „Ich beobachte viel Positives. Die Intensität der Zusammenarbeit auf ein gemeinsames Ziel hin und auch die noch nie da gewesene Geschwindigkeit. In den westlichen Ländern ist man sich der Bedeutung von Infektionskrankheiten und der Macht der Prävention bewusster geworden. Aber es ist auch klarer geworden, dass wir für die Lösung dieser Probleme die Wissenschaft brauchen, und dass Regierungen und Pharmakonzerne in Forschung investieren müssen.“

 

„Als ich vor 30 Jahren in der Pharmabranche anfing, war meine Hoffnung, das Leben von Patientinnen und Patienten verbessern zu können. Bei Bayer sind seit Beginn der Corona-Krise mehr Initiativbewerbungen als bisher eingegangen. Ein Gutes an dieser Krise ist, dass viel mehr junge Menschen aktiv miterleben, was die Wissenschaft – sowohl im Bereich Biotech als auch im Bereich Pharma – alles leisten kann. Das ist doch schön, oder?“