Coming Out am Arbeitsplatz: „Ich bin eine Trans-Frau“

Nicole wurde im Körper eines Mannes geboren, fühlt sich aber als Frau – und das schon seit der Kindheit. Doch bis sie zu sich selbst fand, war es ein langer Weg. Heute zeigt sie, dass ein offener Umgang mit Transidentität möglich ist – und ermutigt andere Menschen, Dinge neu zu gestalten und Veränderungen voranzubringen. 

Ich habe bei Bayer 1984 meine Berufsausbildung als Laborant begonnen. Heute, 36 Jahre später, bin ich immer noch bei Bayer, aber als Chemotechnikerin. Zwischendurch habe ich also einige Dinge in meinem Leben geändert. Heute geht mir das leicht von den Lippen, es hat jedoch all meinen Mut und viel Überwindung gekostet, mein Leben neu zu gestalten.

     
Ich heiße Nicole Lemsky und bin eine Trans-Frau. Das ist meine Geschichte.

Schon in der Kindheit wusste ich, dass irgendwas nicht richtig war. 2004 kam mir schließlich die Erkenntnis, dass ich kein Mann bin: Im Privatfernsehen lief ein Beitrag über Trans-Personen und ihre Hoffnungen, Ängste und Leidenswege. Ich merkte erstmals: So wie ich fühle, fühlen sich auch andere, und das Gefühl hat einen Namen: Transidentität. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits eine geschiedene Ehe, war ein paar Jahre alleinerziehender Vater und hatte eine neue Frau kennengelernt. Vor ihr outete ich mich damals schnell, wir suchten uns professionelle Hilfe. Ich war in psychologischer Behandlung, in Selbsthilfegruppen und habe anfangs noch versucht, das alles zu verdrängen. Meine Frau stand immer an meiner Seite. Wir heirateten auch in der Zeit. Doch es kamen schwere Depressionen dazu, ich verletzte mich selbst und hatte Suizid-Gedanken. Meine Frau sagte zu mir: „So geht es nicht weiter. Du musst etwas tun.“ 2013 startete offiziell meine Transition zuerst im privaten, etwa ein Jahr später im beruflichen Umfeld. 


Bei Bayer outete ich mich nach einigen Monaten Vorbereitung mithilfe des damaligen Betriebsratsvorsitzenden. Er organisierte einen Termin mit meinen Chefs. Die nahmen das entspannt auf, schrieben eine E-Mail an alle Kolleg:innen – auch mit dem Hinweis, dass Mobbing nicht geduldet werde. Danach ging alles unkompliziert. Ich war eine Woche im Urlaub, ging aus dem Bayerwerk in Dormagen als Mann, und kam als Frau wieder. Bei Bayer wurde ich schon als Frau anerkannt, bevor das Gericht offiziell darüber entschied. Hier durfte ich endlich als Frau leben, wurde mit meinem – nun neuen – Namen Nicole angesprochen, und fühlte mich akzeptiert. 

 

 

Der Rest der Transition hat bei mir lange gedauert. Ich musste unter anderem ein Jahr lang in meiner „neuen Rolle“ leben, zwei Gutachten erstellen lassen, medizinische und psychologische Behandlungen durchlaufen, damit ich gerichtlich meinen Vornamen und den Personenstand von männlich zu weiblich ändern lassen konnte. Das ist heute zum Glück nicht mehr so. Heute ist nur noch ein Gutachten nötig und ein paar Schritte wurden geändert und ich hoffe, dass es künftig noch einfacher wird. Diesen Schritt sucht sich niemand aus, und er ist für sich schon belastend genug. Allein die Operationen, die erforderlich waren, macht man nicht aus Spaß.

 
Seit fünf Jahren ist meine Transition vollendet. Ich bin offiziell eine Frau, sogar meine Geburtsurkunde und Dokumente wie meine Zeugnisse, Ausweise und vieles mehr wurden geändert.

 
Seit 2015 engagiere ich mich bei BLEND, einer Organisation für LGBTI+-Menschen innerhalb von Bayer. Mit vielfältigen Veranstaltungen machen wir auf uns aufmerksam, beraten, geben Hilfestellung und arbeiten daran, dass Bayer dieses offene und diverse Unternehmen bleibt, das es ist. Ein Highlight sind für mich immer die Bayer-Auftritte auf den Kölner und Berliner Christopher Street Days, bei denen wir mit einem eigenen Wagen und einer Fußgruppe mitlaufen, und die wir als BLEND organisieren. Ich bin stolz, dass Bayer die BLEND-Gruppe so wertschätzt und uns unterstützt, und auch mir persönlich so geholfen hat. Mit weiteren Trans-Personen aus dem globalen Bayer-Netzwerk haben wir auch eine Transgender Working Group gegründet, die sich für die Belange von uns Trans-Menschen einsetzt. Wir organisieren zum Beispiel Trainings für ein Arbeitsumfeld, das Vielfalt und Inklusion fördert, und pflegen den Austausch mit der Personalabteilung.


Ich möchte mit diesem Beitrag auch all jene Menschen ermutigen, die sich mit ihrer Identität unwohl fühlen und Hilfe brauchen: Ihr schafft das und ihr seid nicht allein! Es gibt ganze viele Menschen, die euch bei eurem Coming Out unterstützen. Ich hatte das Glück, sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld große Unterstützung bekommen zu haben.  

Meine Geschichte zeigt: Es gibt Auswege mit Happy End. Heute weiß ich wer ich bin. Ich habe nach jahrelangem Suchen zu mir selbst gefunden. Was ich mir noch wünsche? Es sollte kein Thema mehr sein, ob jemand Mann, Frau, schwul, lesbisch, transident, intersexuell oder irgendetwas anderes ist. Dass man nicht mehr darüber sprechen muss und für Sichtbarkeit sorgen muss, und dass es keine Diskriminierung deswegen mehr gibt. Wir sind erst am Ziel angekommen, wenn es normal ist und sich eine Diskussion darüber oder Aktionen dafür erübrigen. Dafür werde ich mich weiter einsetzen. Und ich bin froh, in einem Unternehmen zu arbeiten, das mir dabei hilft.