Interview

„Unternehmen, die Nachhaltigkeit ernst nehmen, erfinden sich neu“

Sabine Miltner und Christian Klein sind die beiden Vorsitzenden des Bayer-Nachhaltigkeitsrats. Das im vorigen Jahr gegründete Gremium berät den Vorstand und weitere Mitglieder des Managements bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie. Nun hat der Rat seinen ersten Jahresbericht vorgelegt. Wir sprachen mit Sabine Miltner und Christian Klein über ihre Erfahrungen im ersten Jahr. 

Frau Miltner, Herr Klein, was war für Sie im ersten Jahr die größte Überraschung? Und was die größte Herausforderung?


Christian Klein: Das erste Jahr lief überraschend gut. Ich fand es sehr positiv, zu sehen, dass Bayer seine ehrgeizigen Nachhaltigkeitsziele ernst meint und dass der Vorstand dahintersteht. Als ich gefragt wurde, im Nachhaltigkeitsrat mitzumachen, war meine erste Reaktion: „Da mache ich nicht mit. Das ist Greenwashing.“ Aber Matthias Berninger und der Vorstand haben es geschafft, mich zu überzeugen, dass sie es ernst meinen. Ich rechne es ihnen hoch an, dass sie mich wollten, gerade weil ich so kritisch war. 


Sabine Miltner: Ich finde auch, dass wir auf einem sehr guten Weg sind und die Zusammenarbeit mit und in dem Rat hervorragend funktioniert. Wenn man in so ein Gremium kommt, hat man am Anfang immer das Problem, dass man das Unternehmen noch nicht gut kennt. Da fällt es schwer, die Initiativen, die vorgesellt werden, im Gesamtkomplex zu beurteilen. Was macht das Unternehmen wirklich? Wie passen die Dinge, die diskutiert werden, da rein? Wir wurden mit ganz vielen Infos gefüttert, aber es braucht einfach Zeit, das alles so aufzunehmen, dass man die Dinge einordnen und vernünftige Beratung leisten kann. 


Sie, Herr Klein, haben das Thema Ernsthaftigkeit angesprochen. Frau Miltner, wie ist Ihre Meinung dazu?


Sabine Miltner: Ich hatte in den vorbereitenden Gesprächen den Eindruck, dass Bayer das Thema Nachhaltigkeit wirklich ernst nimmt. Der Reputationsschaden, den Bayer hinnehmen musste, ist nicht aus der Welt, nur weil man eine Nachhaltigkeitsstrategie erklärt. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, intern eine Integration der neuen Unternehmensbereiche zu erreichen und zusammenzuwachsen, und gleichzeitig nach außen (und auch nach innen) sehr deutlich zu machen, wie sich das Unternehmen verändert.  Nur so kann man Vertrauen wiedergewinnen. 


Christian Klein: Das große Stichwort ist hier Transparenz. Ich finde, dass Bayer hier auf einem guten Weg ist. 


Welche Rolle spielt nach Ihrer Einschätzung die Nachhaltigkeitsstrategie im gesamten Unternehmen?


Christian Klein: Das ist ein wichtiger Punkt, den wir im Beirat oft besprechen. Nachhaltigkeit ist letzten Endes keine Frage eines Produktes oder ein Projekt, es muss ein Konzept sein, das durch ein komplettes Unternehmen geht. Wenn Bayer Nachhaltigkeit ernst nimmt, wird sich das Unternehmen verändern. Es wird auch andere Mitarbeiter anziehen, die kommen, weil sie Bayer als nachhaltig wahrnehmen. 


Sabine Miltner: Es entscheidet sich an der Frage, was es bedeutet, Nachhaltigkeit in der Geschäftsstrategie zu integrieren. Da geht es dann um Themen wie: Welche Synergien entstehen aus der Nachhaltigkeit für die Divisionen? Wie muss das Forschungsbudget genutzt werden, um Synergien herzustellen und sich in Wachstumsmärkten zu positionieren? Letzten Endes muss Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle in allen Bereichen spielen. Unternehmen, die das machen, erfinden sich mehr oder weniger neu und schaffen es auch, von alten Produkten wegzugehen. Eine Firma, die nachhaltig sein will, kann nicht mehr Dinge tun, die der Konsument nicht als nachhaltig empfindet. Das ist auch für das Management eine große Herausforderung. Denn die Investoren müssen ja sehen, dass sich das Unternehmen in eine Richtung bewegt, in der großes Potenzial liegt. 


Apropos neue Märkte: Mit den Nachhaltigkeitszielen nimmt Bayer auch Länder mit geringem und mittlerem Einkommen verstärkt in den Blick. Welche Bedeutung hat das aus Ihrer Sicht für die Nachhaltigkeit und das Geschäft bei Bayer? 


Christian Klein: Bayer will dort wirklich etwas erreichen – sowohl für die Menschen dort als auch für das eigene Geschäft. Das ist ein Fortschritt.  Ich sehe darin eine Riesenchance, wenn man es schafft, das den Investoren zu vermitteln. Es gibt Investoren, die bereit sind, gezielt in solche Aktivitäten zu investieren. Sie kommen nur heute noch nicht auf Bayer. Sie suchen da eher bei kleinen Startups. Dass aber ein so großer Konzern wie Bayer so etwas macht, beinhaltet ein ganz anderes Potenzial.


Sabine Miltner: Das Problem der Gesundheitsversorgung und der Nahrungsmittelsicherheit ist in diesen Ländern eklatant. „Health for all, Hunger for none“ hier umzusetzen hat mittel- und langfristig ein großes Potenzial – und zwar, wie schon gesagt, sowohl für die Menschen als auch für das Geschäft. 


Wie realistisch ist es, dass Bayer seine Ziele bis zum Jahr 2030 erreicht? 


Christian Klein: Zunächst einmal hat es mich beeindruckt, wie Bayer seine Ziele aufgestellt hat und wie das Unternehmen den impact – also den Beitrag, den es leistet – messen will. Die Ziele sind klar, messbar und transparent kommuniziert. Das ist ein sehr guter Ausgangspunkt. 


Sabine Miltner: Bei solchen mittelfristigen Zielen ist es immer entscheidend, wie schnell man vorankommt. Man sollte auf jeden Fall vermeiden, die Maßnahmen nach hinten auf der Zeitschiene zu verlagern. Es ist umso besser, je früher man große Fortschritte erzielt und je besser man frühzeitig nachschärft. Generell finde ich, dass sich die Welt bei all diesen Themen noch viel zu langsam bewegt. Unternehmen wie Bayer und andere müssen darüber nachdenken, wie sie zusammenarbeiten können, um die Beschleunigung voranzutreiben. Wir müssen uns viel mehr austauschen – auch mit „Gegnern“, gerade da lernt man am meisten. 


Was ist Ihr Ziel für den Nachhaltigkeitsrat?


Christian Klein: Ich hoffe, dass Bayer in einigen Jahr in jedem Impact Fonds enthalten ist und der Rat dazu beitragen konnte. 


Sabine Miltner: Ich würde mich freuen, wenn der Rat von Bayer als etwas gesehen wird, das ihm tatsächlich weiterhilft. Ich sehe uns nicht als Zielsetzer für Bayer, eher als Berater oder Wegweiser.