Herzgesundheit

Hören Sie auf Ihren Arzt?

Medizin vergessen oder einfach nur eine halbe Tablette nehmen, den Arzttermin mal eben verschieben – alles kein Problem? Doch! Für eine erfolgreiche Behandlung braucht es mehr als nur die richtigen Medikamente. Warum es so wichtig ist, regelmäßig den Arzt zu konsultieren sowie sich an dessen Verordnungen zu halten und welchen Einfluss die Coronapandemie auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat, darüber sprachen wir mit Lothar Roessig, Kardiologe und Leiter der Abteilung klinische Entwicklung im Therapiegebiet Herz und Niere bei Bayer.

Herr Roessig, was wird unter Therapietreue verstanden? 

Vorsorgeuntersuchungen, rechtzeitige Diagnose, regelmäßige Kontrolltermine und Gespräche mit dem Arzt und vor allem die korrekte Einnahme von Medikamenten – all das zählt zur Therapietreue und hat einen entscheidenden Einfluss auf den Behandlungserfolg. 

Medikamente werden jahrelang sorgfältig in Studien getestet, bevor sie zum Einsatz beim Patienten auf den Markt kommen. In den Zulassungsstudien wird natürlich sehr darauf geachtet, dass sie regelmäßig und in der richtigen Dosierung vom Patienten eingenommen werden – und nur unter diesen Umständen können sie den gewünschten Erfolg bringen. Daher sollte die Einnahme der Medikamente in ihrer Anwendung natürlich idealerweise genauso umgesetzt werden.

Ärzte orientieren sich in der Regel bei der Verordnung von Medikamenten an den Richtlinien und Empfehlungen der Fachgesellschaften und Zulassungsbehörden, die auf den klinischen Studien basieren und auch immer wieder bei neuer Datenlage angepasst werden. Daher ist es wichtig regelmäßig mit dem behandelnden Arzt zu sprechen und sich an dessen Anweisungen zu halten.  

Warum ist Therapietreue gerade bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen so wichtig?

Bei Herzpatienten gehören regelmäßige Kontrollen zum Behandlungsrepertoire. Das ist vor allem wichtig, um Veränderungen im Krankheitsverlauf rechtzeitig zu entdecken und damit einem Fortschreiten der Erkrankung vorzubeugen und Notfälle, wie Krankenhauseinweisungen, zu vermeiden. Gerade bei Herzschwäche und blutverdünnenden Mitteln ist es extrem wichtig, dass keine Lücken in der Medikamenteneinnahme entstehen, sonst kann das Risiko für akute Ereignisse oft unbemerkt schnell ansteigen. Wenn es doch zum Notfall kommt, ist es essenziell, rechtzeitig und schnell zu reagieren – wenn Sie zum Beispiel typische Signale für Herzschwäche wie Atemnot, chronischer Husten, geschwollene Füße und Beine oder auch typische Signale eines Herzinfarktes, wie Schmerzen in der Brust beobachten, bitte nicht zögern, sondern schnellstmöglich einen Arzt kontaktieren.  

Warum halten sich Patienten denn nicht an Therapien? 

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe und oft passiert das unbewusst: Die Einnahme wird im Alltagsstress einfach vergessen, die Bedeutung nicht ernstgenommen, Patienten erinnern sich nicht an die medizinischen Informationen oder verstehen sie falsch. Häufig verlieren Patienten auch den Überblick darüber, welches Medikament wann und wie an der Reihe ist, weil sie viele verschiedene Präparate einnehmen müssen. 

Gerade Herzpatienten leiden häufig an einer Vielzahl von Begleiterkrankungen und Risikofaktoren, die mit vielen verschiedenen Medikamenten behandelt werden. Damit sind die Patienten natürlich sehr gefordert – und manchmal eben auch überfordert. 

Gibt es noch weitere Einflussfaktoren auf die Therapietreue von Patienten?

Auch die Medienberichterstattung und die sozialen Medien haben einen Einfluss auf die Therapietreue. Bei negativer Berichterstattung kann es schon mal passieren, dass Patienten die Sicherheit ihres Medikaments anzweifeln. So gab es beispielsweise zu Beginn der Pandemie angeblich Berichte, dass die Einnahme von bestimmten Medikamenten zur Behandlung von Bluthochdruck für ein erhöhtes Infektionsrisiko und schwerere Covid-19-Verläufe verantwortlich seien. Andere Studien zeigten dann aber das Gegenteil. Dies kann zu Verunsicherung der Patienten beitragen und gegebenenfalls dazu führen, dass sie ihre Medikamente ohne Absprache mit dem Arzt einfach absetzen. Die Tragweite beziehungsweise das Risiko, das sie damit eingehen, ist ihnen häufig gar nicht bewusst, da sie beim Auslassen der Einnahme vorbeugender Therapien nicht in jedem Fall gleich eine körperliche Reaktion und den unmittelbaren Nutzen sehen, wie beispielsweise bei der Wirkung einer Kopfschmerztablette. 

Denn Herz-Kreislaufmedikamente werden oftmals zur Prävention eingesetzt. Wir behandeln Risikofaktoren, damit es erst gar nicht zu einer Manifestation der Krankheit oder einem akuten Ereignis wie eine Notfall- Krankenhauseinweisung oder einem Schlaganfall kommt.

Dass Patienten sich in gefährliche Situationen bringen, wenn sie einer verschriebenen Therapie nicht folgen, wird meiner Meinung nach in den Medien oftmals unzureichend dargestellt. Was sich daher aus meiner Sicht verbessern sollte: Das Bewusstsein zum Wohle des Patienten dahingehend schärfen und die Bedeutung von Therapietreue für den Behandlungserfolg hervorheben. 

Was ich in dem Zusammenhang betonen möchte: Alle verfügbaren Medikamente sind in groß angelegten Studien getestet und durch Zulassungsbehörden genau überprüft. Und nur Medikamente, die in Studien ihre Wirkung gezeigt haben und verträglich sind für den Patienten, dürfen von Ärzten verschrieben werden. Da können sich Patienten drauf verlassen. Genau dafür sind die Zulassungsbehörden und Therapierichtlinien da – und wenn man sich doch mal unsicher ist, sollte die erste Adresse immer der behandelnde Arzt sein. Die Bedeutung eines vertrauensvollen Verhältnisses von Arzt und Patient kommt hier noch mal mehr zum Tragen.

Was raten Sie Patienten – wie können sie ihre Therapietreue verbessern?

Der einfachste Tipp für die korrekte Einnahme von Medizin sind zum Beispiel Boxen, in denen die Medikamente nach Tagen, manchmal auch nach Tageszeiten, sortiert sind oder Listen, die abgehakt werden und einen an die regelmäßige Einnahme erinnern. 

Arzttermine sollten am besten von langer Hand geplant werden – dann haben sie schon einen festen Platz im Kalender. Idealerweise bereiten sich Patienten auf den Arztbesuch vor, zum Beispiel indem sie ihre Fragen und auch Veränderungen des Befindens notieren und mit dem Arzt besprechen können. Dafür gibt es auch Checklisten, die dem Patienten bei der Vorbereitung helfen können.

Auch die digitale Unterstützung der Gesundheit wird bei der Unterstützung der Therapietreue eine immer größere Rolle einnehmen. Apps, die an die Einnahme von Medikamenten erinnern gibt es schon heute. Aber auch darüber hinaus werden verschiedenste Ansätze untersucht. Zum Beispiel werden über Monitoring-Geräte wesentliche Patientendaten wie Blutdruck, Blutwerte, Herzfrequenz usw.  erfasst und können dann in Videokonferenzen mit dem Arzt besprochen werden. Dies ermöglicht einen engen Kontakt zwischen Arzt und Patient – auch wenn dieser beispielsweise aufgrund seiner Erkrankung oder seines Alters nicht mehr so mobil ist. 

Sie hatten vorhin schon Corona angesprochen – welchen Einfluss hat die Pandemie auf Herzkreislauf-Erkrankungen? 

Gerade zu Beginn der COVID-19 Pandemie haben wir verstärkt beobachtet, dass Patienten den ärztlichen Kontakt aus Angst vor einer Infektion oder aus Angst nicht besucht werden zu können vermieden haben – seien es Kontrolltermine oder Notfallsituationen. Als Folge der zu späten Behandlung hat dies infektionsunabhängig leider zu ungünstigen Verläufen und Ereignissen geführt, die vermeidbar gewesen wären. Wie ich eingangs bereits erwähnt habe, ist es immens wichtig, bei Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall den Notruf zu wählen – bei solchen Notfällen ist es wichtig rechtzeitig und schnell zu reagieren, da jede Minute zählt. 

Ein Bereich, der weniger mit Therapietreue zu tun hat, aber im Moment stark untersucht wird, sind die Folgeerscheinungen von COVID-19, die unter Long Covid zusammengefasst werden. Dabei werden auch die Auswirkungen aufs Herz untersucht – ein wichtiges Thema, mit dem wir uns beschäftigen und das wir noch besser verstehen müssen. 

Vielen Dank für das Interview, Herr Roessig. Gibt es noch etwas, was Sie den Lesern mit auf den Weg geben möchten? 

An dieser Stelle noch mal der ganz dringliche Rat: Nehmen Sie Ihre Arzttermine wahr. Das gilt gerade für Patienten mit chronischen Erkrankungen. Viele Dinge lassen sich verschieben, aber Arztbesuche gehören nicht dazu. 

Und noch etwas möchte ich betonen: Alle verfügbaren Medikamente sind ausgiebig getestet und das Nutzen-Risiko-Verhältnis von den Behörden belegt. Setzen Sie Medikamente nicht einfach selbständig ohne Rückfrage an ihren Arzt ab, wenn Sie mit dem Medikament nicht klarkommen oder weil Sie etwas Negatives über das Produkt gehört haben. Sprechen Sie stattdessen bitte mit ihrem Arzt, mit dem Sie diese Informationen besprechen können und der gegebenenfalls sicher eine Alternative findet oder die Medikation auch anpassen kann. Das ist wahrscheinlich der beste Weg, um seine Therapietreue zu verbessern. 
 

Therapietreue

Therapietreue beschreibt die Befolgung der Empfehlung des verschreibenden Arztes. Sie umfasst die Dosierung eines Medikaments, die regelmäßige Einnahme von Tabletten, die Wahrnehmung regelmäßiger Kontrolltermine beim Arzt sowie die angemessene Reaktion im Notfall. 

Therapietreue ist das Ausmaß, in dem sich ein Patient an die vorgeschriebene Dosis und das Intervall seiner Therapie hält. Die erste Erwähnung des englischen Wortes "Compliance" in der medizinischen Literatur erfolgte 1966. Im Jahr 2000 wurde in Fachkreisen das Wort "Adherence" dem Wort "Compliance" vorgezogen. Die meisten Studien zur „Non-adherence“Therapieuntreue stammen aus der Endokrinologie und der kardiovaskulären Medizin, aber die Gesamtrate mangelnder Adherence für die akute und chronische Versorgung über alle Bereiche der Medizin zusammengenommen liegt bei 40 Prozent.1

  • 1. https://www.optometrytimes.com/view/how-to-avoid-patient-nonadherence

Erfahren Sie hier mehr über Nutzen und Risiken von Medikamenten.