Diagnose und Behandlung von Lungenkrebs

Wie Screening, künstliche Intelligenz und Genomtests helfen können, eine schwere Krankheit zu bekämpfen

Als anerkanntes führendes Unternehmen in der Onkologie und Radiologie bekämpft Bayer Krebs an mehreren Fronten, darunter eine der aggressivsten Krebsarten – Lungenkrebs.
 

Ganz gleich, ob sie je geraucht haben oder nicht: Viele Menschen, die an Lungenkrebs erkranken, sind Stigmatisierung und Schuldzuweisung ausgesetzt. Durch Aufklärung, besseres Screening, frühzeitige Diagnosen und Zugang zu moderner Gesundheitsversorgung lassen sich die Überlebensraten bei Lungenkrebs steigern, der weltweit für die meisten Krebstodesfälle verantwortlich ist. Wir sprachen mit Dr. Peter Seidensticker, Head of Medical & Clinical Affairs Computed Tomography (CT)/Cardiovascular (CV) and Digital, Radiologie bei Bayer, über die Bedeutung der Früherkennung.

Dr. Seidensticker, warum sind die Überlebenschancen bei Lungenkrebs so gering, auch im Vergleich zu anderen Krebsarten?


Weltweit fordert Lungenkrebs mehr Leben als Darm-, Brust- und Prostatakrebs zusammen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzte für 2020, dass 1,8 Millionen Menschen daran starben. Diese Zahl wird im Laufe der kommenden 10 Jahre voraussichtlich um 40 Prozent steigen. Durch ein Screening bei Menschen mit besonderen Risikofaktoren – wie Rauchen, Lungenkrebs in der engeren Verwandtschaft, häufiges Passivrauchen und Kontakt mit schädlichen Substanzen wie Radon – können Lungenkarzinome in einem frühen, eventuell noch heilbaren Stadium erkannt werden. Leider wird etwa die Hälfte der Fälle erst in einem fortgeschrittenen Stadium festgestellt, in dem die 5-Jahres-Überlebensrate nur etwa 6 Prozent beträgt.

 
Was hält Menschen mit Risikofaktoren davon ab, Screening-Untersuchungen wahrzunehmen? 


Der größte Risikofaktor für Lungenkrebs ist Rauchen, was beispielsweise in den USA mit 80 bis 90 Prozent aller Todesfälle durch Lungenkrebs in Verbindung gebracht wird. Dieser Umstand führt zu einer Stigmatisierung: die Betroffenen seien für ihre Lungenkrebserkrankung selbst verantwortlich. Das wiederum schreckt Menschen häufig davon ab, einen Arzt aufzusuchen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass man die Auswirkung von Scham und Schuldgefühlen nicht unterschätzen darf, genauso wenig wie die Furcht der Einzelnen davor, keine optimale Behandlung zu erhalten oder im Zuge der Behandlung ihre Arbeit zu verlieren. 


Andere Hindernisse sind eine allgemeine Angst vor der Diagnose Krebs, Hürden beim Zugang zu einer modernen gesundheitlichen Versorgung sowie schlichtweg das fehlende Wissen um Screening-Angebote – und um die großen Fortschritte, die bei Technik und Therapie in den vergangenen Jahrzehnten erzielt wurden. 


Was wäre ein Beispiel für die Fortschritte bei der Lungenkrebs-Früherkennung? 


Heutzutage spielt die Computertomographie (CT) eine zentrale Rolle. Dabei werden hoch aufgelöste Bilder der Lunge und der umgebenden Gewebe erstellt. Mithilfe dieser Bilder können in der Radiologie nicht nur mögliche Tumoren erkannt, sondern auch deren Größe und Form exakt beschrieben werden. Anhand der Aufnahmen lässt sich auch feststellen, ob die Erkrankung sich bereits auf Lymphknoten oder Knochen ausgebreitet hat. Für regelmäßiges Screening bei Menschen mit hohem Risiko bietet die Niedrigdosis-CT eine Möglichkeit, dreidimensionale Aufnahmen der Lunge zu erstellen, auf denen sich kleine Tumoren viel besser erkennen lassen als auf herkömmlichen Röntgenaufnahmen. 


Diese Art der CT-Aufnahme nimmt weniger als eine Minute in Anspruch und ist nur mit einer geringen Strahlenexposition verbunden. Je kleiner der Tumor ist (stellen Sie sich etwa einen Kirschkern vor), desto größer ist die Chance, den Krebs zu behandeln, bevor er sich ausbreitet. Laut der American Lung Association kann die Früherkennung mittels niedrigdosierten CT-Screenings bei Personen mit hohem Risiko die Lungenkrebs Sterblichkeit um 14 bis 20 Prozent senken. 
 

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz (KI) bei der Erkennung von Lungenkrebs?


Künstliche Intelligenz liefert die Mittel dafür, große Datenmengen aus der Bildgebung in wertvolle Erkenntnisse umzuwandeln, die in der Radiologie eine rasche und genaue Diagnosestellung unterstützen können. Besonders bei der Erkennung von Lungenkarzinomen hat KI das Potenzial, den ärztlichen Blick zu ergänzen. Mittels KI lassen sich beispielsweise Knötchen erkennen, die auf Erkrankungen wie Lungenkrebs hindeuten können – und zwar bereits in Frühstadien und vor allem dann, wenn der Zweck der Untersuchung gar nicht in der Krebserkennung selbst bestand. Mittels automatischer Erkennung, Charakterisierung, Klassifikation und Prognose für den Krankheitsverlauf kann KI in den kommenden Jahren hoffentlich helfen, die Diagnoseraten zu steigern, die Genauigkeit besonders in Frühstadien zu verbessern, eine individuellere Behandlungsplanung zu ermöglichen – und so die Überlebenschancen der Erkrankten zu verbessern. 


Welche Rolle spielen Tumorgenomtests bei der Diagnose und späteren personalisierten Behandlung?


Es ist wichtig zu wissen, dass es eine Vielzahl von Lungenkrebsarten gibt. Tumorgenomtests können Veränderungen identifizieren, die für einige dieser Krebsarten spezifisch sind. Sie können beispielsweise bestimmte Anomalien in der DNA von Krebszellen erkennen, die das Wachstum des Tumors antreiben. Das kann hilfreiche Informationen für Patienten und ihre behandelnden Onkologen liefern, möglicherweise bessere Behandlungsentscheidungen unterstützen und so zu einer personalisierten und idealerweise erfolgreicheren Versorgung führen.


Gibt es einen Rat, den Sie den Lesern gerne mit auf den Weg geben möchten? 


Um die inakzeptabel hohe Sterblichkeitsrate durch Lungenkrebs zu senken, müssen wir zuerst ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig die Früherkennung ist. Dazu gehört, dass wir sensibel mit Tabus umgehen, die mit der Diagnose Lungenkrebs verbunden sind. Gleichzeitig gilt es, die Erkrankung so früh wie möglich zu behandeln. Nehmen Sie an regelmäßigen Screening-Programmen teil, wenn Sie denken, dass bei Ihnen ein erhöhtes Risiko besteht oder dass Sie möglicherweise bereits an Lungenkrebs erkrankt sind. Lassen Sie sich ärztlich zu einfachen, potenziell lebensrettenden Untersuchungen wie der Niedrigdosis-CT beraten, die Lungentumoren im Frühstadium erkennen kann.
 

Bayers Bemühungen im Kampf gegen Lungenkrebs

Jede erfolgreiche Behandlung beginnt mit der richtigen Diagnose. Die Radiologie-Organisation von Bayer ist mit branchenführenden Produkten und einer rund 100-jährigen Geschichte im Bereich der Radiologie ein wichtiger Akteur in der medizinischen Bildgebung. Das Radiologie-Portfolio von Bayer reicht von Kontrastmitteln und Injektoren bis hin zu Informatik, die Radiologen bei ihrer Mission unterstützt, eine frühzeitige Diagnose zu stellen und eine klare Richtung für die Behandlung vorzugeben.
 

Die Onkologie-Organisation von Bayer entwickelt mit großem Einsatz neue Arzneimittel, die dazu beitragen, das Leben von Menschen mit Krebserkrankungen zu verlängern und zu verbessern. Bayer konzentriert seine Forschungsaktivitäten auf First-in-Class-Innovationen über die folgenden wissenschaftlichen Plattformen: Molekulare Präzisionsonkologie, gezielte Alpha-Therapien und Immunonkologie.

 

Dr. Peter Seidensticker
Dr. Peter Seidensticker