Menschen & Perspektiven

Händler des Zweifels

Im März 1996 kam eine britische Untersuchungskommission vor dem Unterhaus zu dem Schluss, dass auffällige Hirnerkrankungen bei jungen Menschen vermutlich auf den Konsum von Fleisch BSE-infizierter Rinder zurückzuführen seien. In Europa brach Panik aus: Der Fleischkonsum brach ein, europäisches Fleisch wurde unverkäuflich, hunderttausende Rinder mussten geschlachtet und das Fleisch vernichtet werden, eilig wurden Importverbote für britisches Rindfleisch verhängt.

Öffentlichkeit und Politik reagierten schockiert und stellten fest: Es gab in der EU kein System und kein einheitliches Regelwerk, um die Sicherheit von Lebensmitteln zu prüfen und zu überwachen. Die BSE-Krise zeigte die Unzulänglichkeit dieser Politik und machte deutlich, dass Lebensmittelsicherheit erstens Regeln braucht und diese Regeln zweitens wissenschaftsbasiert sein müssen, d.h. frei von Manipulations- und Einflussmöglichkeiten durch Lobbygruppen.


Daher entwarfen Parlament, Kommission und nationale Regierungen ein kohärentes System von Risikobewertung und Risikomanagement, das sich an nachprüfbaren wissenschaftlichen Kriterien orientiert. Auf der europäischen Ebene wurde u.a. die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) geschaffen (deren Arbeit alle sechs Jahre unabhängig überprüft und evaluiert wird), auf nationaler Ebene Behörden wie die französische Behörde für Lebensmittelsicherheit (AFSSA), die britische Food Standards Agency (FSA) oder das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Deutschland.


Seither gibt es strenge Kriterien für die Beurteilung von Lebensmitteln, ganz gleich, ob es sich um Fleisch, Novel Food, Nahrung aus gentechnisch veränderten Pflanzen oder Rückstände von Pflanzenschutzmitteln handelt.
 

Matthias Berninger
„Das System der wissenschaftlichen Bewertung hat sich bewährt“
Matthias Berninger


Das System hat sich bewährt: Der letzte Fall eines Menschen, der sich mit BSE angesteckt hatte, wurde in der EU 2016 registriert und abgesehen vom EHEC-Ausbruch 2011, der zu 4.000 Erkrankten und 53 Todesfällen führte, aber recht schnell aufgeklärt und gestoppt werden konnte, sind große Lebensmittelskandale ausgeblieben.


Die Entscheidungen, die aufgrund der wissenschaftlichen Bewertungen getroffen wurden, haben nicht immer allen gefallen. Tatsächlich wurden einige, z. B. zu Neonicotinoiden, von der Industrie kritisiert und Bayer hat gegen das daraufhin von der Kommission verhängte Verbot Rechtsmittel eingelegt. Allerdings haben weder Bayer noch die Industrie das System der wissenschaftlichen Bewertung angegriffen.


Anders sieht das leider auf Seiten von Umweltschutzorganisationen aus, die gegen Gentechnik, Pflanzenschutzmittel und allerlei Lebensmittelzusatzstoffe kämpfen. Beim Neonicotinoid-Verbot etwa lobten sie die Behörden für ihre „mutige Entscheidung“, bei der Debatte um die aktuell beantragte Zulassungsverlängerung von Glyphosat hingegen werden die gleichen Behörden plötzlich wieder als industrieabhängig, unterwandert oder sogar korrupt, auf jeden Fall aber als willfährig gegenüber der Industrie und unverantwortlich gegenüber der Öffentlichkeit dargestellt. Der Bewertungsprozess sei „industriegesteuert“, heißt es beispielsweise von Seiten des BUND. Den Zulassungsbehörden fehle „jede kritische Distanz zur Industrie“ und das Zulassungsverfahren müsse „radikal reformiert“ werden.

 

Frappierende Parallelen

Parallelen zu den Gegnern der Corona-Maßnahmen und der Impfkampagne, die den Behörden ebenfalls Industrienähe und mangelnde kritische Distanz unterstellen, sind frappierend.


Hier wie dort werden „Experten“ vorgebracht, die Positionen vertreten, die von der überwältigenden Mehrheit der Wissenschaft nicht geteilt werden – Experten, die zumeist für ihre Nähe zu solchen Organisationen bekannt sind, die Impfungen, Gentechnik oder Pflanzenschutzmittel ablehnen.


Im Fall Glyphosat stehen den Außenseitermeinungen die Voten von Regulierungsbehörden aus Australien, Brasilien, Deutschland, der EU, Japan, Kanada, Korea, Neuseeland, den USA und der FAO/WHO gegenüber. Hinzu kommen mehr als 800 Sicherheits-Studien, darunter die Agricultural Health Study (AHS) aus den USA. Sie hat über 25 Jahre hinweg kontinuierlich rund 50.000 Anwender von Pflanzenschutzmitteln untersucht, darunter 45.000, die regelmäßig Glyphosat anwenden. In all diesen Jahren wurde kein Zusammenhang zwischen der sachgerechten Anwendung von glyphosatbasierten Herbiziden und Krebs nachgewiesen.


Zuletzt kamen im Juni 2021 vier Schwesterorganisationen des BfR, die von der EU-Kommission mit einer Glyphosat-Evaluierung beauftragten zuständigen Behörden aus Frankreich, den Niederlanden, Schweden und Ungarn, ebenfalls zu dem Schluss, dass Glyphosat nicht krebserregend ist und keine Gefahr für Verbraucher darstellt.


Vor diesem Hintergrund entspricht das Säen von Zweifeln mithilfe von Experten, die bestimmten Industrien und Lobbygruppen nahestehen, der Strategie der organisierten Wissenschaftsleugnung, wie sie von den US-Wissenschaftshistorikern Naomi Oreskes und Erik M. Conway 2010 beschrieben wurde. In ihrem Buch "Merchants of Doubt" (Händler des Zweifels) beschreiben Oreskes und Conway detailliert, wie Interessengruppen versuchen, die öffentliche Meinung und die Gesetzgeber zu ihren Gunsten zu beeinflussen, indem sie den wissenschaftlichen Konsens zu umwelt- oder gesundheitswissenschaftlichen Themen bestreiten. Die Strategie dieser Interessengruppen ist die Blaupause für Organisationen, die derzeit versuchen, die Glyphosat-Debatte zu verzerren: Weglassen von Fakten, Leugnen eines wissenschaftlichen Konsenses, Untergraben des Vertrauens in Behörden und wissenschaftliche Institutionen. Hinzu kommen Taktiken wie die Einschaltung von Pseudo-Experten, das Rosinenpicken von Studien und die Verbreitung von Verschwörungsmythen - vor allem aber das Schüren von Ängsten vor Gesundheitsschäden.

 

Politik auf der Grundlage von Stimmungen 

Die Strategie macht sich überdies zunutze, dass viele Medien sich schwer damit tun, echte Wissenschaft von Desinformation und verzerrten Darstellungen zu unterscheiden, weil sie sich um ausgewogene Berichterstattung bemühen und dabei oft Minderheits- oder Außenseiterpositionen zu viel Raum geben.
 

In der aktuellen Pandemie werden wir Zeuge der Gefahren dieser Taktik: Teile der Bevölkerung haben bereits große Vorbehalte gegenüber Impfungen, dem Tragen von Masken und anderen Maßnahmen entwickelt.


Selbstverständlich ist es legitim, politische Entscheidungen zu kritisieren, die auf einer wissenschaftlichen Bewertung beruhen. Aber es ist sehr gefährlich, den wissenschaftlichen Bewertungsprozess selbst zu untergraben und die für Gesundheits- und Sicherheitsfragen zuständigen Behörden zu diffamieren. Das Endergebnis wird eine Politik sein, die auf der Grundlage von Stimmungen operiert - und unsere Gesellschaft in die gleiche Situation zurückwirft, in der wir waren, als die BSE-Krise ausbrach: planlos, hilflos und unvorbereitet.

Autor

Matthias Berninger
Matthias Berninger
Global Head of Public Affairs & Sustainability bei Bayer