Die Bio-Revolution:

Wie Dekarbonisierung ohne Deindustrialisierung gelingt

Am Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten Visionäre wie Carl Duisberg, dass hinter der Teerchemie viel mehr steckt als nur synthetische Farbstoffe. Damals begann die organische Chemie unser Leben zu revolutionieren, indem neue Materialien, Medizin und Düngemittel Einzug hielten. Wenn man so will, waren diese Entdeckungen vergleichbar mit der digitalen Transformation und die damals neuen Fabrikanlagen in Leverkusen oder Ludwigshafen so etwas wie das Silicon Valley heute.

Es geht nicht darum, die negativen Seiteneffekte einer auf Erdöl und Erdgas basierten Chemie für Klima oder Biodiversität klein zu reden und schon gar nicht will ich von den menschenverachtenden Anwendungen in beiden Weltkriegen ablenken. Aber es ist wichtig zu erkennen, dass die Innovationen dieser Zeit – ganz besonders das Haber-Bosch-Verfahren – die Lebenserwartung der Menschen massiv verbessert haben. Sie machten überhaupt erst ermöglicht, dass heute fast acht Milliarden Menschen relativ konfliktfrei auf diesem Planeten leben können.

 

Bis heute ist der Wohlstand in Deutschland neben der Automobilindustrie vor allem der führenden Innovationsposition zu Beginn dieser chemischen Revolution zu verdanken. Die Basis dafür liegt auf der Hand: Die Hälfte der Chemienobelpreise in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gingen an deutsche Wissenschaftler! 

 

Zugleich erkennen wir, dass die wachsende und immer wohlhabendere Weltbevölkerung die Grenzen unseres Planeten empfindlich überschreitet. Bis vor etwa 50 Jahren haben wir so gelebt, dass die Erde imstande war, die Ressourcen, die wir verbrauchten, zu regenerieren. Heute benötigen wir pro Jahr rund 1,6 Erden. Wir beklagen das erdhistorisch dritte große Artensterben und sind im Begriff, uns aus der planetaren Komfortzone zu katapultieren. Menschen leiden unter Extremwetterlagen oder sind auf der Flucht, weil ihre Heimat unbewohnbar geworden ist. 

 

Das bald bevölkerungsreichste Land Indien droht durch Hitzewellen und Wassermangel gesellschaftlich destabilisiert zu werden. Dass es so nicht weitergehen kann, ist wissenschaftlicher Konsens. Nicht alle negativen Effekte des Klimawandels werden sich noch verhindern lassen. Aber ich bin überzeugt, dass wir zu meinen Lebzeiten immer noch die Chance haben, wirksam gegenzusteuern. Zum Ende dieses historischen Jahres 2020 überwiegt bei mir der Optimismus – und das hat vier Gründe: Die Europäische Union, Japan und die Volksrepublik China haben sich zur Dekarbonisierung ihrer Volkswirtschaften bekannt. Mit der Wahl von Joe Biden steigen die Chancen, dass auch die Vereinigten Staaten voll auf Klimaschutz setzen. Amerikaner, Europäer, Japaner und Chinesen werden auch die anderen großen Wirtschaftsnationen der G20, allen voran Indien und Brasilien von diesem Weg überzeugen können.

 

2020 zeigt auf tragische Weise, dass eine verzichtbasierte Nachhaltigkeitsstrategie scheitert

 

Ein zweiter wichtiger Faktor ist die gesellschaftliche Teilhabe. Es ist gut, dass die von der Generation meiner Kinder getragenen globalen Klimabewegungen ihre Forderungen von den wissenschaftlichen Erkenntnissen ableiten. Wir sollten aber auch nicht die Ergebnisse des globalen Großversuchs im Verzicht außer Acht lassen, den wir dieses Jahr erleben. Die pandemiebedingten Einschränkungen haben zu einem leichten Rückgang der Emissionen geführt, aber eben auch die verfügbaren Einkommen gesenkt, Ernährungsunsicherheit drastisch vergrößert und selbst in reichen Ländern einen erheblichen Schuldenberg produziert, der Investitionsspielräume einschränkt. Der Friedensnobelpreis für das UN-Welternährungsprogramm hat ins Bewusstsein gerufen, wozu der globale Großversuch des Verzichts geführt hat: zu weiteren 130 Millionen Hungernden. Eine verzichtbasierte Nachhaltigkeitsstrategie wird gleich doppelt scheitern, weil sie weder eine gesellschaftliche Mehrheit findet noch zu ausreichenden ökologischen Verbesserungen führt. Allenfalls autokratische Regierungen könnten so etwas durchsetzen und niemand sollte diesen Weg wollen.

 

Genom-Editierung als Buchdruck unserer Zeit

 

Was wir brauchen, ist Innovationsfreude. Die wirklich tiefgreifende Innovation unserer Zeit ist die Bio-Revolution. Hier schließt sich der historische Kreis: Acht der letzten zehn Nobelpreise für Chemie wurden an Forscherinnen und Forscher verliehen, die Entdeckungen in der Welt der Gene und Proteine gemacht haben, in der Biologie und künstliche Intelligenz zunehmend verschmelzen. Der vorläufige Höhepunkt ist die Verleihung des Nobelpreises an Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier für die Entdeckung der Genom-Editierung – dem Buchdruck unserer Zeit. Europa muss die Bio-Revolution voll unterstützen. Sonst droht dem Kontinent das gleiche Schicksal wie einst dem Osmanischen Reich im 16. Jahrhundert, das den Buchdruck unter Androhung der Todesstrafe verbot und so die Axt an das damalige wissenschaftliche Zentrum der Welt legte. Wer verhindern will, dass Dekarbonisierung zu Deindustrialisierung führt, muss gerade in Deutschland auf Innovationskerne setzen - also auf zentrale Forschungsfelder, die sich auf zahlreiche andere Bereiche auswirken. In der Pharmaindustrie und der Agrarwirtschaft können wir im Zentrum erfolgreicher Disruption stehen. Gerade COVID-19 zeigt uns die Relevanz von Biotech-Innovationen. Schließlich gehören deutsche Technologieführer zu den aussichtsreichsten Kandidaten im Rennen um einen Impfstoff.

 

Unsichtbare Hand des Marktes ballt sich zur Faust 

 

Der vierte Faktor ist die Wirtschaft selbst. Die gute Nachricht ist, dass Banken, Versicherungen und Investoren längst begonnen haben, die Risiken durch den Klimawandel in ihre Strategien zu integrieren. Die unsichtbare Hand des Marktes wird grün. Sie wird sich zur Faust ballen und diejenigen treffen, die sich gegen die Dekarbonisierung stemmen. Unternehmen müssen sich extern auditierbare, quantitative Nachhaltigkeitsziele setzen und diese in die Vergütung einfließen lassen, um Weichen effizient neu zu stellen. Bayer hat das im vergangenen Jahr getan.

 

Wir können eine Zeitenwende schaffen, wenn Regierungen, Gesellschaft, Innovatoren und Unternehmen an einem Strang ziehen. Für mich sind die erneuerbaren Energien ein erfolgreiches Beispiel dafür. Natürlich war auch dieser Fortschritt nicht ohne Kontroverse. Dennoch haben wir 2020 selbst in den USA gesehen, dass die Erneuerbaren der Kohle den Rang ablaufen – zum ersten Mal seit 1885 und obwohl die Politik noch auf fossile Brennstoffe setzte.

 

Zukunftsangst durch Innovationsfreude ersetzen 

 

Wir alle sind gefragt, Zukunftsangst durch Innovationsfreude zu ersetzen. Das gelingt, wenn wir uns von Wissenschaft und Daten leiten lassen und den Mut haben, uns von populistischen, esoterischen oder romantischen Weltbildern zu verabschieden. Mit der Perspektive aus einem der Zentren der Bio-Revolution wächst meine Zuversicht, dass wir das schaffen können. Deutschland muss sich auf die Innovationskerne der biologischen Technologierevolution fokussieren, um auch in 100 Jahren zu den führenden Nationen der Welt zu gehören.

 

Autor

Matthias Berninger
Matthias Berninger
Leiter des Bereichs Public Affairs und Nachhaltigkeit bei Bayer