Lebensmittelanbau in Zeiten des Coronavirus

Wie Landwirte unsere Ernährung in der Corona-Krise sichern

Landwirte in aller Welt tun alles dafür, dass auf die Corona-Krise keine Lebensmittel-Krise folgt.

Innerhalb weniger Wochen hat die neuartige Viruserkrankung COVID-19 das Leben von Millionen Menschen rund um den Globus auf den Kopf gestellt. Branchen aller Art mussten sich auf neue Arbeitsweisen einstellen – die Landwirtschaft ist da keine Ausnahme.

Landwirte sind es seit jeher gewohnt, sich dem Lauf der Natur anzupassen. Ob Dürre, Überflutung oder Schädlingsplage – sie müssen immer wieder mit unvorhergesehenen Ereignissen zurechtkommen, die ihnen das Leben schwer machen. Eine Pandemie bringt jedoch eine Vielzahl neuer Herausforderungen für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherung mit sich. Die Krise macht deutlich, dass wir mehr machen müssen, um unser Ernährungssystem zu stärken. Wir haben Landwirte, Erzeuger, Produzenten und Branchenvertreter aus aller Welt gefragt, wie sie diese beispiellose Krise erleben, vor welchen Problemen sie stehen und wie sie damit umgehen.

Dave Puglia, Vorsitzender der Western Growers, einem Zusammenschluss von Familienbetrieben im Südwesten der USA, beschreibt, wie plötzlich die Krise die Landwirte ereilte:

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Das hat keiner von uns kommen sehen. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Es trifft einen und man muss reagieren.
Dave Puglia
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Vorsitzender der Western Growers

Arbeitskräfte im Lockdown

Die Landwirtschaft ist auf Arbeitskräfte angewiesen. Ob bei der Gemüseernte, beim Entfahnen von Mais oder im Rebschnitt – in vielen Bereichen der Landwirtschaft muss der Mensch selbst Hand anlegen. Weltweite Reisebeschränkungen, Quarantänebestimmungen und Kontaktsperren stellen die Landwirte vor große Probleme.

Dank der Mechanisierung können viele Ackerbaubetriebe wichtige saisonale Arbeiten wie die Aussaat auf der nördlichen Erdhalbkugel und die Ernte auf der südlichen auch mit nur wenigen Arbeitskräften durchführen. Für Obst- und Gemüsebauern könnten die Reisebeschränkungen jedoch verheerende Folgen haben.

Die Obst- und Gemüseernte erfordert eine Vielzahl von Arbeitskräften, die oft auf engstem Raum und unter hohem Zeitdruck zusammenarbeiten, damit das Obst und Gemüse knackig, frisch und voller Geschmack in die Läden gelangt. Viele der bei Western Growers angeschlossenen Landwirte sind auf ausländische Saisonarbeitskräfte angewiesen.

„Die Gesundheit unserer Arbeitskräfte liegt uns sehr am Herzen. Deshalb sorgen unsere Mitglieder dafür, dass ihre Arbeiter aktuelle Informationen erhalten, Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen greifen und Abstände eingehalten werden“, erklärt Puglia.

Bei einigen Anbaukulturen sind solche Maßnahmen aber schlichtweg nicht möglich. Manche Landwirte können deshalb ihre Felder nicht abernten oder ihr Erntegut nicht verladen. Sie erleiden dadurch beträchtliche Ernteverluste und Einkommenseinbußen. Western Growers rechnet unter seinen Mitgliedern schon jetzt mit Einbußen bei frischem Obst und Gemüse von 5 Milliarden US-Dollar.

Auch die Saisonarbeiter leiden finanziell sehr unter den Grenzschließungen. Umakant Singh besitzt eine etwas über zwei Hektar große Farm im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh und ist in der Weizen-, Obst- und Gemüseernte auf Saisonarbeitskräfte aus dem benachbarten Bundesstaat Bihar angewiesen.

Seit März sind jedoch die Grenzen zwischen den indischen Bundesstaaten geschlossen. Singh muss deshalb die Feldarbeit mit einem kleineren Team bewältigen. Noch schwerer wiegt die Situation für die Erntehelfer, die nicht kommen können.

„Die meisten von ihnen stammen aus sehr ärmlichen Verhältnissen und sind auf ihren Tagelohn angewiesen“, erklärt Singh. „Sie müssen ihre Familien ernähren und durch den Lockdown fällt ihnen das noch viel schwerer.“

 

Gestörte Lieferketten

In allen Branchen wird die Anzahl der Arbeitskräfte reduziert, damit sichere Abstände eingehalten werden können. Dies ist einer der Gründe dafür, dass die Lieferketten für Lebensmittel von Feldern in unsere Kühlschränke durcheinander geraten sind.

Der Warenverkehr zwischen den Ländern ist sehr eingeschränkt, einige Grenzen sind sogar vollkommen dicht. Während auf der einen Seite die frische Ware wegen langer Wartezeiten verdirbt, kann die Nachfrage auf der anderen Seite nicht erfüllt werden, sodass die Preise für die Verbraucher steigen.

Der argentinische Landwirt Julio Fernandez Speroni steckt gerade mitten in der Ernte von 400 Hektar Sojabohnen, Mais und Weizen. Viele argentinische Häfen arbeiten jedoch nur mit halber Kraft, sodass Speroni und andere Landwirte nur einen Teil ihrer Ernte exportieren oder innerhalb des Landes verschicken können.

Speroni rechnet vor, dass die Landwirte etwa 30 % ihrer Erträge in der Erntezeit verkaufen müssen, um Lohnunternehmer und Arbeitskräfte bezahlen zu können. „Vielerorts ist das nicht möglich. Deshalb werden sie in den nächsten Monaten finanziell ums Überleben kämpfen“, prophezeit er.

Zwar rechnet Speroni bisher nicht mit großen Verlusten, aber er kann auf seiner Farm nur eine begrenzte Menge an Sojabohnen und Mais trocken lagern. „Ich habe bereits 50 % meiner Ernte eingefahren“, sagt er. „Wenn die Transportbeschränkungen bis Mitte Mai nicht gelockert werden, bekomme ich Probleme.“

In Märkten für verderbliche Produkte wie etwa Obst und Gemüse haben gestörte Lieferketten noch größere Auswirkungen. Wenn die frische Ware nicht schnell genug vom Feld zu den Verbrauchern gelangt, verdirbt sie und muss in großen Mengen weggeworfen werden. Die Leidtragenden sind die Landwirte, denen die Einnahmen wegbrechen.

 

Hohe Marktdynamik

In den USA wandern von jedem für Nahrungsmittel ausgegebenen Dollar etwa 50 % in die Gastronomie, darunter Restaurants, Hotels und Schulen. Aufgrund des Lockdowns wurden Aufträge über Nacht storniert, sodass Hersteller von verderblicher Ware jetzt versuchen, den Einzelhandel zu bedienen, beispielsweise Supermärkte.

Dies ist jedoch nicht immer möglich, weil die Verbraucher für die Zubereitung von Mahlzeiten andere Zutaten einkaufen als Restaurants. Außerdem werden in den USA, nachdem in der ersten Phase der Panikkäufe viel frische Ware gekauft wurde, nun vermehrt verarbeitete Lebensmittel und Konserven mit längerer Haltbarkeit eingekauft.

Mehr Betriebe konkurrieren mit ihren frischen Waren um dieselben Abnehmer, sodass die Marktpreise sinken. „Der Markt ist durcheinander geraten und das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben“, meint Puglia. „Unsere Mitglieder müssen gewaltige Verluste hinnehmen.“

Gastronomie und Hotellerie wurden nahezu vollständig heruntergefahren und die Folgen sind weltweit spürbar. Die Corona-Krise hat auch den indischen Gemüsemarkt schwer erschüttert, weiß Singh zu berichten.

„Die Gemüsepreise sind sehr stark unter Druck geraten, weil lokale Hotels, Restaurants und Teeläden, die in großen Mengen grüne Chili kaufen, zu den Hauptabnehmern zählen“, erklärt Singh. „Die Restaurants sind geschlossen, also gibt es keine Nachfrage.“

Die wirtschaftlichen Folgen von COVID-19 bekommt auch die Familie Capurso zu spüren. Sie besitzt ein 15 Hektar großes Weingut außerhalb von Verona in Norditalien. Reisebeschränkungen und Kontaktsperren bedeuten, dass die Familie den Wein derzeit nicht abfüllen kann, weil sie hierfür auf einen externen Dienstleister angewiesen ist.

Da italienische Restaurants und Weinläden weiterhin geschlossen bleiben, können die Capursos ihre Geschäftskunden nicht bedienen und auch keine Weinverkostungen durchführen.

„Das Coronavirus hat verheerende wirtschaftliche Folgen für unseren Betrieb“, sagt Selene Capurso. „Bis eine Lösung gefunden wird, steht die Gesundheit unserer Familie für uns im Vordergrund.“

 

Landwirtschaft in der Quarantäne

Landwirte und Landarbeiter haben darüber hinaus auch mit psychischen Herausforderungen zu kämpfen. An sich ist es in der Landwirtschaft nicht unüblich, über längere Zeit in entlegenen Gebieten auf sich allein gestellt zu sein. Die Ungewissheit jedoch, wann die Reisebeschränkungen gelockert werden, belastet die isolierten Arbeitskräfte enorm.

 

Kontaktsperren und Abstandsregeln bringen noch andere, neuartige Herausforderungen mit sich. Cherilyn Jolly-Nagel baut auf ihrer Farm in Saskatchewan, Kanada Getreide, Hülsenfrüchte und Ölsaaten an. Sie liegt 27 km von der nächsten Stadt entfernt.

„Wir haben zwei Töchter, 13 und 11 Jahre alt. Zum Glück sind wir hier gut vor der Pandemie geschützt“, sagt Jolly-Nagel. „Unter diesen Umständen möchten wir nirgendwo anders sein.“ Die Hilfe der beiden Töchter ist auf dem Hof sehr willkommen, allerdings ist die Farm bis auf Weiteres auch ihr Klassenraum.

Viele ländliche Gemeinden auf der ganzen Welt leiden unter einem schlechten Internetzugang und das stellt den modernen Landwirt vor echte Probleme. „Unsere Internetverbindung war schon vor dem Coronavirus furchtbar. Jetzt, da unsere Töchter das Internet für die Schule nutzen, ist sie noch schlechter“, klagt Nagel. „Das klingt, als würde ich mich beklagen, dass wir kein Netflix sehen können. In Wirklichkeit aber haben wir Mühe, das Internet für unseren Betrieb zu nutzen.“

 

Hoffnung für die Zukunft der Landwirtschaft

Welche langfristigen Folgen die COVID-19-Pandemie hat, lässt sich nicht vorhersagen. Wir wissen aber, dass unser Ernährungssystem robuster werden muss, um die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft zu verbessern und die Lieferketten fit für künftige Krisen zu machen. Die gute Nachricht ist: Die Landwirtschaft ist dieser Herausforderung gewachsen.

Aufgrund der ungewissen Zukunft können Landwirte nur sehr schwer planen. Wie können sie Investitionsentscheidungen treffen, ohne zu wissen, wie die Nachfrage zum Erntezeitpunkt sein wird? Landwirte sind jedoch krisenfest und hoffen auf eine Rückkehr zur neuen Normalität.

Auf eine Rückkehr zur Normalität hofft auch Jolly-Nagel. Trotz Sorgen über die langfristigen Auswirkungen auf Lieferketten für Getreide und andere Nutzpflanzen ist sie optimistisch, dass auf Ihrer Farm, die seit mehr als 100 Jahren im Familienbesitz ist, bald wieder wie gewohnt gearbeitet werden kann.
Und wie sie stellen sich Landwirte aus aller Welt der Herausforderung und sorgen dafür, dass genügend Nahrungsmittel produziert werden, damit wir alle genug zu essen haben.

 

Das Engagement von Bayer

Wir finden kreative Wege, unsere Kunden in der Landwirtschaft zu unterstützen. Dabei steht für uns die Sicherheit an erster Stelle.

 

Wir veranstalten virtuelle Lehr- und Informationsveranstaltungen und produzieren Videos zu wichtigen Themen wie Aussaat und Ernte. Wir kommunizieren auf neuen Wegen mit Landwirten, indem wir verstärkt digitale Kanäle wie Instagram, Facebook und WeChat nutzen, etwa um ihnen gute landwirtschaftliche Praxis zu vermitteln.
Außerdem bieten wir wichtige Dienstleistungen und datengestützte Erkenntnisse etwa mithilfe von FieldView und bringen Landwirte auf digitalem Weg mit zuverlässigen Beratern zusammen, die ihnen bei betrieblichen Entscheidungen helfen.

 

 

Wir produzieren Desinfektionsmittel für die Allgemeinheit und statten medizinisches Personal vor Ort mit Schutzmaterial aus. Außerdem stellen wir Schutzausrüstung zur Verfügung, darunter Masken und Handschuhe für Landwirte, Reinigungskräfte, Polizisten und Mitarbeiter des Gesundheitswesens.

 

 

An unserem Formulier- und Abfüllstandort im französischen Marle läuft die Produktion auf Hochtouren, damit genügend Material für die Saison verfügbar ist. Gleichzeitig schützen wir die Gesundheit und Sicherheit unserer Mitarbeiter. In Indien haben die Erzeuger Mühe, ihre Trauben wegen des Lockdowns zu verkaufen. Das Team hat sie mit Käufern zusammengebracht und über Facebook den Kontakt zu Großabnehmern hergestellt. In der besonders schwer von COVID-19 betroffenen italienischen Region Lombardei hat das Team von Bayer Crop Science seine ersten Feldversuche begonnen. Die Aussaat der Anbaukulturen wird später im Jahr für eine reichhaltige Ernte und wertvolle Erkenntnisse für künftige Anbaustrategien sorgen.