Matthias Berninger

Gemeinsam für die Wissenschaft!

Während ich das schreibe, hält die Welt den Atem an. Die globale COVID-19-Pandemie, das Corona-Virus, betrifft zahlreiche Menschen, die infiziert sind oder sich davor sorgen. Unzählige Ärzte, Krankenschwestern und medizinische Helfer sind unermüdlich im Einsatz. Regierungen sind in höchster Alarmbereitschaft, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Sie stehen im engen Austausch mit wissenschaftlichen Experten, die die Lage kontinuierlich neu bewerten. Auch Gesundheitsunternehmen wie Bayer stehen in ständigem Kontakt mit den Behörden weltweit und unterstützen, wo es möglich ist.

Es ist viel zu früh, um aus dieser Pandemie Lehren zu ziehen. Noch sind wir mittendrin. Aber ich glaube, dass hier eine größere Frage berührt wird, bei der wir dringend ein gemeinsames Verständnis benötigen. Ich rede von einer beunruhigenden Fehlentwicklung, die das Vertrauen in die Wissenschaft und allgemein die Rolle von Experten geschwächt hat.

 

„Viele Jahre lang hat das Abstreiten der Wissenschaft unser Handeln verlangsamt.“

Die New York Times hat es mit Blick auf das Coronavirus zuletzt so formuliert: „Das Versäumnis, den Ausbruch einzudämmen und das Ausmaß und die Tragweite seiner Bedrohung zu verstehen, ist auf eine zu geringe Investition in die Grundlagenforschung und eine zu geringe Wertschätzung der Wissenschaft zurückzuführen.“

 

Viele Jahre lang hat das Abstreiten der Wissenschaft unser Handeln verlangsamt. Heute besteht ein wissenschaftlicher Konsens über Ursache und Wirkung des Klimawandels. Im vergangenen Jahr wurde der Verlust der biologischen Vielfalt in ähnlicher Weise wissenschaftlich belegt.

 

Bayer ist ein führendes Unternehmen für Gesundheit und Landwirtschaft, das sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt. Insgesamt gehören wir mit unseren 5,3 Milliarden Euro F&E-Investitionen zu den fünf größten deutschen Unternehmen und zu den 25 größten weltweit.

 

Bayer beschäftigt mehr als 18.000 Forscherinnen und Forscher und geht jährlich rund 8.000 wissenschaftliche Partnerschaften mit Dritten ein. Wir können den Zweck unseres Unternehmens „Science for a Better Life“ nur erfüllen, wenn wir in der wissenschaftlichen Gemeinschaft ein willkommener Partner sind.

 

Angesichts der enormen globalen Aufgaben für die öffentliche Gesundheit, die weltweite Ernährung und eine Wirtschaft, die längst die Grenzen des Planeten überschritten hat, kann nur ein unermüdlicher Fokus auf Innovationen helfen. 2018 haben die 50 führenden F&E-Unternehmen der Welt dafür mehr als 310 Milliarden Euro investiert.

 

Mangelndes Vertrauen in die Wissenschaft - Wo kommt das her?

Das große Dilemma besteht darin, dass während Forschung und Fortschritt so dringend erforderlich sind, das Vertrauen in die Wissenschaft immer mehr schwindet. Ich sehe drei Haupttrends, die zu dieser beunruhigenden Entwicklung beitragen:

 

Erstens leben wir in einer Zeit, in der Menschen ihrem Umfeld aus Freunden und Nachbarn mehr trauen als Experten und in der die neuen Kommunikationstechnologien eher darauf aus sind, den Austausch von Fake News zu fördern als den Austausch wissenschaftlich belegter Fakten. Ein beängstigendes Beispiel dafür ist die wachsende Skepsis gegenüber Impfungen.

 

Ich hoffe, dass COVID-19 diesen Trend umkehren wird. Vor diesem Hintergrund ist es großartig zu sehen, wie unumstrittene Experten auf ihrem Gebiet nun wieder das Ohr der Öffentlichkeit gewinnen. Das gilt zum Beispiel für Chen Wei, die 54-jährige chinesische Virologin, die nun auf ihren im Kampf gegen Sars und Ebola erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten aufbaut. Es gilt auch für Christian Drosten, der Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charite oder für den Direktor des Nationalen Instituts für Allergie und Infektionskrankheiten in den USA, Anthony S. Fauci, ein weiterer Veteran der Ebola-Krise.

 

Zweitens muss sich die Industrie mit der gut dokumentierten Geschichte von systematischer Untergrabung wissenschaftlicher Erkenntnisse auseinandersetzen, mit der in der Regel ein unangenehmes Rendezvous mit der Wahrheit verschoben wurde. Für das Leugnen haben einzelne Sektoren und Unternehmen einen Preis gezahlt. Die höchsten Kosten entstehen jedoch durch die Untergrabung des Vertrauens in genau die Wissenschaft, von der die Unternehmen abhängen.

 

Drittens gibt es auch Fehlverhalten bei der Wissenschaft selbst. Zum Beispiel, wenn sie zum Sprachrohr von Aktivisten wird und Erkenntnisse als Wahrheit präsentiert, selbst wenn der allgemeine wissenschaftliche Konsens oder die Reproduzierbarkeit gering ist.

 

Diese Entwicklungen haben zu Kritik von unterschiedlichen Seiten geführt: 

 

  • Kritik von links: Der Wissenschaft kann man nicht trauen, weil sie von der Industrie finanziert wird, und deshalb sind die Ergebnisse verzerrt. 
  • Kritik von rechts: Der Wissenschaft kann man nicht trauen, weil sie ein linksgerichteter Zirkel mit einer intellektuellen Monokultur ist, der zu verzerrten Ergebnissen führt. 
  • Kritik von links oder rechts: Einer allzu technikfreundlichen Ideologie im Namen der Wissenschaft kann man nicht trauen, weil sie mit einer romantischen Weltanschauung oder religiösen Überzeugungen kollidiert.

 

In einem Klima, in dem Experten immer weniger beachtet werden, sehen sich die Regulierungsbehörden einem ebenso starken Druck ausgesetzt. Sowohl die Industrie als auch die Aktivisten müssen sich damit auseinandersetzen, wie wenig hilfreich einige der derzeitigen Taktiken für die Gesellschaft sind.

 

Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag

Es gibt eine breite gesellschaftliche Mehrheit, die Innovationen unterstützt, um die Art und Weise, wie wir auf diesem Planeten produzieren, konsumieren und leben, zu verändern. Die Rolle der Regulierungsbehörden besteht darin zu entscheiden, inwieweit Unternehmen Innovationen in Produkte umsetzen können. Jeder sollte ein Interesse daran haben, dass im Rahmen dieses Prozesses die Wissenschaft gestärkt wird.

 

Wir brauchen einen gesellschaftlichen Schub für Innovationen, der dazu beiträgt, die größten Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Lassen Sie uns dafür die wachsende gesellschaftliche Besorgnis über die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und der Industrie im wissenschaftlichen Bereich überwinden. Die Welt wird nur dann eine Chance haben, die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen bis 2030 zu erreichen, wenn das Vertrauen in die Wissenschaft wiederhergestellt wird.

 

Es ist ein neuer Gesellschaftsvertrag erforderlich, in dem festgelegt wird, dass die Industrie unbequeme Wahrheiten über die Beschränkungen ihrer Handlungsfreiheit akzeptieren und das Bewusstsein für die unbestreitbaren Grenzen des Planeten gestärkt werden muss. Umgekehrt müssen andere gesellschaftliche Akteure auf wissenschaftlich fundierte Risikobewertungen vertrauen, die Innovationen ermöglichen.

Autor

asd
Matthias Berninger
Global Head of Public Affairs & Sustainability bei Bayer